Charlys Homepage
im Roten Salon


Mit Ecken und Kanten

Zum Tode von Dirk Schneider

In den letzten Jahren seines Lebens war er fast vergessen. Aus der Politik hatte er sich - nicht ganz freiwillig - zurückziehen müssen. Er wurde allerdings, präziser formuliert, hinausgemobbt. Dabei machte er seinen Gegnern auch leicht, denn eines gute Eigenschaft lässt sich Dirk Schneider gewiß nicht andichten: ein großer Integrator war er nicht. Eher im Gegenteil.

An Dirk Schneider schieden sich während der ganzen Zeit seines politischen Lebens die Geister. Geboren 1939 in Rostock, aufgewachsen in Ahrenshopp auf Fischland/Darß, wo die Familie noch heute ein kleines Häuschen besitzt, hatte er den Krieg in einer relativ weltabgeschiedenen Gegend als Kind erlebt und war später in der DDR aufgewachsen, wo er jedoch wegen seiner bürgerlichen Abkunft zunächst nicht studieren konnte. Der junge Dirk Schneider wechselte in den vermeintlich "Goldenen Westen",nach dem üblichen Zickzack in die Frontstadt Westberlin, was diese Anfang der 60er Jahre auch wirklich noch war. Dort wandelte sich der - vornehm ausgedrückt - sehr DDR-kritische Schneider zusehends zum Linken, der dann auch zu den Gründervätern der Westberliner Alternativen Liste zählte, deren profiliertester Sprecher er zu Beginn der 80er Jahre war. Immerhin so profiliert, dass ihn die AL (für die Jüngeren: sie ging später in den Grünen auf) 1983 in den Bundestag delegierte. (Die Westberliner Abgeordneten wurden damals noch nicht gewählt, sondern entsprechend dem Ergebnis der Abgeordnetenhauswahl delegiert.) Dort wurde er alsbald bekannt als jemand, der sich für den Ausgleich der Interessen zwischen DDR, BRD und Westberlin einsetzte, so engagiert, dass er sich von Joschka Fischer das Verdikt einhandelte: "Du bist der Mann Moskaus bei den Grünen." Ob es ihn geärgert hat, vielleicht gar geschmeichelt, ist nicht genau bekannt. Später erzählte er die Geschichte gern als Anekdote, ohne sie weiter zu bewerten. Indessen gab es an seiner Nähe zur DDR keinen Zweifel. Berühmt sein Besuch inmitten einer Grünen/AL-Delegation bei Erich Honecker 1981, als Petra Kelly dem DDR-Staatsratsvorsitzenden einen "persönlichen Friedensvertrag" audrückte. Auf dem großeb Foto mit dabei: Dirk Schneider, Petra Kelly, Gerd Bastian und Otto Schily. (neben Honecker natürlich) Das war damals die grünen Prominenz.

Wie nahe diese Nähe dann genau war, das freilich ist immer in einer Grauzone geblieben. Schneider wurde nach der "Wende" beschuldigt, ein "Inoffizieller Mitarbeiter" des MfS gewesen zu sein. Verfahren gegen ihn wurden allerdings eingestellt. Doch wurde andererseits festgestellt, dass es erlaubt sein, ihn einen "ehemaligen IM" zu nennen, was auch in zahlreichen Publikationen geschehen ist. Schneider hat indes immer nur angegeben, sich in der DDR zu Gesprächen mit "Vertretern des Außenministeriums der DDR" - allerdings konspirativ - getroffen zu haben. Man mag sich dabei denken, was man will. Doch diese Affäre leitete den allmählichen Abstieg Schneiders in den 90er Jahren ein. 1985 war er noch wegen der Rotation - was es alles mal gab bei den Grünen! - aus dem Bundestag ausgeschieden. Pechsache: so erging es der ersten Generation der grünen Bundestagsabgeordneten (und auch in einigen Landtagen) doch Schneider gelang es auch nicht, wie es so viele andere Politstars schafften, in einen anderen Posten zu "rotieren".

Als nach dem Ende der DDR die PDS versuchte, im Westen Fuß zu fassen, schloß sich auch Schneider, der bis 1989 Pressesprecher der AL war, mit seinen Freunden dem Projekt PDS/Linke Liste an. Allein: der erwartete Erfolg blieb aus und so geriet Schneider wieder einmal in die Rolle des Sündenbocks. Ab 1995 versuchte dann der Vorstandsflügel der Berliner PDS, gestützt auf das "modernste Parteistatut in Westeuropa" (Wechselberg), Schneider und seine Anhänger aus der PDS Kreuzberg hinauszudrängen und die Bezirksorganisation zu einer "Modellorganisation" zu machen. Gezielt wurden Mitglieder, die in anderen BO eingetreten waren , nach Kreuzberg umgeschrieben und die alten Mitglieder verdrängt. Dabei wurde auch mit sehr unfeinen Methoden gearbeitet. Gegen Schneider wurden Gerüchte lanciert, er sei möglicherweise aufgrund seiner "Stasivergangenheit" erpressbar.

Die Methode führte schließlich nach einigem Hin und Her auch zum gewünschten Ergebnis. Schneider, umwillig, auf die Mobilisierung der Parteirechten mit einer Gegenmobilisierung zu reagieren, aber auch unfähig, sich mit anderen Linken zu verbünden, nicht bereit, sich selbst dabei zurückzunehmen, war den Methoden seiner Gegner nicht gewachsen. 1996 verließen in relativ kurzer Zeit aller Angehörigen des linken Parteiflügels die PDS Kreuzberg. Erolge hatten die Sieger dennoch zunächst nicht. Das sollte sich erst ändern, nachdem die 5 Prozent-Klausel gefallen war und der Bezirk Kreuzberg mit dem Ostberliner Bezirk Friedrichshain fusioniert war. Doch das wäre eine andere Geschichte.

Versuche Dirk Schneiders, sich noch einmal über ein neues fundamentoppositionelles Netzwerk zu profilieren, scheiterten im Ansatz. Danach wurde es ruhig um Dirk Schneider. Ein paar Aufsätze noch, spürbare Anzeichen von Verbitterung. Hinzu kam die schwere Krankheit, gegen die er bis zuletzt kämpfte. Doch zum Schluß hat doch der Krebs gesiegt. Dirk Schneider starb am letzten Sonntag (3.November in seiner Kreizberger Wohnung)

  • Autor: Charly Kneffel, 25.10.2002
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin Do., 07.11.2002