Die Terroristin in Formalin
Wie ein deutscher Irrweg entsorgt werden soll
Bettina Röhl, Tochter von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl, hat jetzt Strafanzeige erstattet: Wegen "Störung der Totenruhe". Das ist wohl das Mindeste, was man machen kann. Zwar ein reichlich eigentümliches Delikt, aber in diesem Fall ist wohl nichts so, wie es sein sollte.
Der gesamte Vorgang ist, so wie er sich jetzt darstellt, kaum fassbar: Da wird also der Leiche der Terroristin Ulrike Meinhof unmittelbar nach ihrem Tode während der Obduktion das Gehirn entnommen und untersucht. Davon wird den Angehörigen - wohl auch den Anwälten - nichts mitgeteilt. Bis hierhin mag die Sache dennoch rechtens sein, zumindest gerichtsüblich, doch dann geschieht etwas, was kaum noch zu erklären ist. Das Gehirn wird in Formalin konserviert und lagert bis 1997 in einer Pappschachtel, bis es dem seinerzeitigen Obduzenten, dem heute emeritierten Professor Peiffer, auffällt, dass ein Kollege aus Magdeburg ähnliche Untersuchungen anstellt und dabei natürlich, 21 Jahre später, bessere Mittel zur Verfügung hat. Das Gehirn wird - immer noch in der Pappschachtel - zu Professor Bernhard Bogerts gebracht, der es abermals untersucht und dabei zu dem Ergebnis kommt, eine im Jahre 1962 durchgeführte Operation am Gehirn Ulrike Meinhofs, der dabei ein Blutschwamm abgeklemmt wurde, habe Ulrike Meinhofs Persönlichkeit so verändert, dass sie "gefühlskalt" geworden sei. Sie daher mit hoher Wahrscheinlichkeit nur "vermindert schuldfähig" gewesen. Aussagen , die sich mit Bemerkungen der früheren Pflegemutter Meinhofs, Renate Riemeck, und dem früheren Ehemann Klaus Rainer Röhl deckten.
Diese Sachlage entdeckt der Spiegel (oder sie wird ihm gesteckt), der daraufhin eine "Story" vorbereitet. Durch den Übereifer des Magdeburger Professor Bogerts, der bei Klaus Rainer Röhl anruft und ihn über "Veränderungen des Charakters" bei Ulrike Meinhof ausfragen will, erfährt schließlich auch die Tochter, eben jene freie Journalistin Bettina Röhl, davon. Und diese veröffentlich schließlich einen Artikel in der Magdeburger Volksstimme, erstens, um auf das Schicksal ihrer Mutter Aufmerksam zu machen, zum zweiten aber auch, weil sie dem Spiegel die "Story" versauen will. Denn auf den, der heutige Chefredakteur Stefan Aust hatte sie einst aus Italien zurückgeholt und davor bewahrt, nach Palästina abgeschoben zu werden, dann aber zahlreiche Kommentare und auch Bücher über die RAF verfasst, ist Bettina Röhl alles andere als gut zu sprechen. So blieb dem Spiegel, der nun - aber wen wundert das?- ganz in der Tradition der Sensationspresse dasteht, bislang nur eine relativ kleine Notiz im Internet. Im Moment hat man ja auch Augstein, aber man darf sicher sein: da kommt noch was nach.
Was im Jahre 1962 bei der Gehirnoperation Ulrike Meinhofs schiefgegangen sein mag, ist die eine Frage. Auch Änderungen der Persönlichkeit sind natürlich nicht auszuschließen. Dem Phänomen des deutschen "revolutionären Terrorismus", der 1970 begann, ist jedoch mit solchen Methoden nicht beizukommen, obwohl sich sicher jede Menge "Wissenschaftler" finden werden, die nun auch nach anderen Fehlern in den Köpfen von Politikern und Revolutionären suchen werden. Man weiß ja, dass auch Lenins Hirn seinerzeit untersucht wurde. Doch das, was sich zwischen 1970 und den 90er Jahren in der Welt abspielte, ist nicht auf Hirnstörungen zurückzuführen, es war die falsche Strategie für den Versuch, diese Welt, die es bitter nötig hat, zu verändern. Das Gehirn in Formalin wird da nicht weiterhelfen.
Unerträglich ist aber neben diesem politischen Skandal auch das Verhalten solcher Ärzte, die sich, sei es auf eigene Faust oder mit Wissen zuständiger Stellen - das wird noch im einzelnen aufzuklären sein - anmaßen, Gehirne von Toten zu "wissenschaftlichen Zwecken" ganz nach Gutdünken zu benutzen. Was Professor Peiffer und Professor Bogerts angestellt haben, ist erstens illegal, zweitens inhuman und drittens überhaupt ein Skandal.
Herr Staatsanwalt: Übernehmen Sie!
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Autor: Charly Kneffel, 11.11.2002
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin Di., 12.11.2002
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