Was nun, Jürgen Elsässer?
Einige Gedanken zum Rauswurf von Jürgen Elsässers aus der Zeitschrift 'Konkret'
Eine Überraschung war es schon. Die Nachricht, der Herausgeber der immer noch angesehenen Zeitschrift Konkret, Hermann L. Gremliza, habe seinen Redakteur Jürgen Elsässer, der inoffiziell als der Kronprinz der Zeitschrift galt, herausgeworfen und Elsässer habe einen zweiteiligen Artikel ausgerechnet in der Tageszeitung "Junge Welt" platziert, in der er mit einem Teil der Linken, den unter den Antideutschen weit verbreiteten Bellizisten, abrechnet. Schon das lässt aufhorchen, denn eben diese Tageszeitung hatte Elsässer 1997 unter recht unerfreulichen Umständen verlassen und sich dann an der Gründung der Jungle World beteiligt, weil dort der Einfluß von Nationalbolschewisten und Antisemiten (hier immer wieder genannt: Werner Pirker) zu groß geworden sei.
Eine Bombe wurde es bisher noch nicht, nur wenige Zeitungen berichteten überhaupt: Junge Welt, Neues Deutschland und die Tageszeitung. Kalaschnikow brachte zunächst nur eine Meldung, wollte mit dem Kommentar warten, bis eine offizielle Stellungnahme von Konkret vorliegt. Die ist nun da. Der KVV Konkret Verlag teilt per Newsletter mit, dass der "feste, freie Mitarbeiter" Elsässer die Redaktion der Zeitschrift aus "arbeitstechnischen und politischen" Gründen verlassen habe und auch das Angebot, als ständiger Autor weiter für Konkret zu arbeiten, nicht angenommen habe. An politischen Gründen wird genannt, dass Elsässer im Gegensatz zum Herausgeber und zur Redaktion versucht habe, die Zeitschrift "im Umfeld der DKP zu positionieren". In der Tat: Das hätte man dem Jürgen Elsässer eigentlich nicht zugetraut. Vermutlich weiß er ebenso wenig von dieser Absicht wie die DKP.
Doch mag das sein, wie es will. Der Konflikt innerhalb der Konkret-Redaktion war schon seit längerem an einigen Indizien spürbar, wenn auch nicht seine Schärfe. Wo Gremliza und Elsässer noch gemeinsam auftraten, gerieten sie bisweilen in Streit und Jürgen Elsässer veröffentlichte vor wenigen Wochen einen Artikel zum 5. Geburtstag der Jungle World, in dem er auf deren Entstehungsgeschichte einging und im nachhinein die Trennung von der Jungen Welt, die damals nur eine moderate Kurskorrektur vorgenommen habe, als "Fehler" einschätzte. Der Streit, um den es geht, vollzieht sich in anderen Formen auch innerhalb anderer Projekte, z.B. in der Jungle World, in der ein eigentlich recht harmloser Artikel von Klaus Holz, Elfriede Müller und Enzo Traverso ("Schuld und Erinnerung"; Jungle World 47/2002) wütende Reaktionen auslöste und mehrere Leser und Autoren der Zeitung wissen wollten, ob "das noch unsere Zeitung ist " oder ob sie sich in Werner Pirkers ("pirkerwerners") "linksdeutschen mainstream" einreiht. Die Argumentation in diesem Offenen Brief, den u.a. Autoren wie Pankow, Kunstreich, Wertmüller, von der Osten-Sacken und Uwer unterschrieben haben, ist verrückt. Der Skandal sei, dass in der Jungle World "antiisraelische, propalästinensische" Positionen gedruckt werden. Mit diesen Positionen und deren Protagonisten wolle man sich nicht inhaltlich einlassen.
Als wenn das Palästina/Israel-Problem so einfach wäre.
Aber so einfach ist es offenbar. Elsässer zitiert Gremliza, der 1991 (zweiter Golkrieg) in Konkret schrieb: "...Der Staat, in den sich die den deutschen Mördern entkommenden Juden gerettet hatten, war in tödlicher Gefahr. Es gibt kein Prinzip, dass es Mitgliedern des Kollektivs "die Deutschen" erlaube, in solcher Lage anderes zu tun, als Israels Partei zu ergreifen.." Ähnlich argumentieren die Autoren des Offenen Briefes. Ähnlich übrigens auch der ehemalige Kalaschnikow-Autor Max Brym, der sinngemäß schreibt, Kritik an Israel dürfe in Deutschland allenfalls in Seminaren erfolgen (ebenso übrigens vor einiger Zeit Thomas Ebermann in Konkret).
Was für ein absurdes Zeug! Selbstverständlich ist es nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht jedes Menschen, politische Probleme zu analysieren und auf dieser Grundlage aktiv zu werden. Zumindest war es doch das, was uns der Weise aus Trier seinerzeit lehren wollte. Doch diese Standpunktlogik führt auch zu der absurden Folge, dass man nun sehr wohl Partei ergreifen muß, auch im innerisraelischen Meinungskampf und dort gerät man dann ganz schnell weg von der israelischen Linken, darunter auch die Kommunistische Partei Israels bzw. das Kommunistische Forum. Dafür gerät man auf die Seite Scharons und der militant-religiösen Parteien, die in jedem anderen Land als entweder fundamentalistisch-religiös oder extrem nationalistischen Parteien eingestuft würden. Und wer erinnert sich nicht an das perfide Auftreten der Scharping, Fischer, Beer und Konsorten anlässlich des Kosovo-Krieges, den sie mit der Parole "Nie wieder Auschwitz" legitimierten. So irritierend und fatal in den Konsequenzen das ist, man kann nicht leugnen, dass eine bestimmte Art von Pseudo-"Antifaschismus" heute als Waffe zur Durchsetzung imperialistischer Interessen verwandt wird, wo man früher wahlweise das Christentum, die Zivilisation oder sonst was herangezogen hatte. Das ist besonders deshalb fatal, weil es (scheinbar) den Faschisten, die sich schon immer über die "Auschwitz-Keule" mokierten, nachträglich recht gibt.
Bei Konkret läuft schon seit längerem, je mehr man das Israel-Thema zum (fast) alleinigen Kristallisationspunkt der eigenen gesellschaftskritischen Haltung macht, nichts mehr richtig zusammen. Gewiß, da gibt es noch die Restbestände der altlinken Haltung, die sich z.B. in Gremlizas Solidarität mit dem sozialistischen Kuba und Fidel Castro, dem er einmal sein Editorial (!) überließ, aber Gremliza weiß auch noch, dass Kubas größter Feind seit der Revolution die USA sind, die USA aber - offen gesagt - der einzige wirklich (zur Zeit) noch verlässliche Bündnispartner Israels sind. Man könnte zwar einwenden, solche Widersprüche kämen eben vor - das stimmt - aber die US-Administration verfolgt sowohl ihre Kriegspolitik gegen den Irak, der ja mit Sicherheit nur das Vorspiel für weitere militärische Maßnahmen zur Kontrolle der Welt ist, der "Solidarität" mit Israel und allen reaktionären Maßnahmen gegen Kuba oder an anderen Stellen in Lateinamerika, aus denselben Gründen.
Es hilft nichts, man wird zugeben müssen, dass die Israel-Frage , so wie sie gestellt wird, die Frage ist, an dem ein Teil der Linken auf offene, und sicher bald besonders aggressive, Positionen des Imperialismus übergeht. Dann aber hört sie logischerweise auf, eine Linke zu sein. Dieser Weg ist vorgezeichnet.
Elsässer zitiert abermals Gremliza, der diese Haltung belegt: "... Im Zweiten Golfkrieg haben seine Geschosse über Tel Aviv Schrecken verbreitet, aber keine chemischen oder biologischen Kampfstoffe. Konnte er nicht? Wollte er nicht? Kann er heute? Würde er wollen? Der Vorsitzende des Streitkräfte-Ausschusses im US-Senat, der Demokrat Carl Levin, sagt, der Irak stelle diesbezüglich keine Gefahr dar. Es wäre schön, er hätte recht, oder Israel besäße für den Fall, er hätte unrecht, eine Waffe, die definitiv Abhilfe schafft.."
Man kann nur davor warnen, eine solche Haltung zum Leitmotiv der Politik zu machen.
Auch wenn das zynisch klingt, die Welt ist auch nach Auschwitz keineswegs eine andere geworden. Zwar war die Shoa in dieser Form - als industriell betriebene Massentötung mit dem Ziel, ein ganzes, als "minderwertige Rasse" begriffenes Volk (das sich nicht einmal sicher war, ob es denn überhaupt ein Volk sein wollte) auszurotten - tatsächlich singulär, aber andere haben sich, in ihren Zeiten und mit ihren Möglichkeiten, große Mühe gegeben, dem nahe zu kommen. Und dies ist prinzipiell immer möglich. So ist es heller Wahnsinn, alle Probleme dieser Welt immer um das Problem der "Juden" kreisen zu lassen.
Der Staat Israel war immer bedroht, manchmal nur latent, manchmal akut. Das liegt schon an seiner Gründungsgeschichte und seiner Gründungsideologie. Darauf soll hier nicht lange eingegangen werden, nur soviel, schon Theodor Herzl erwog die Gründung des "Judenstaates" (so der Titel seiner Programmschrift) keineswegs wegen der Judenpogrome, die es an verschiedenen Stellen in Europa immer wieder gegeben hatte, sondern vor allem als ideologisches Kind seiner Zeit. Es war der jüdische Nationalismus ("Zionismus") verbunden mit dem Bewusstsein, den Westmächten als Vorposten im Orient zu dienen. Auf dem Kolonialismus (nichts anderes war es) und dem Nationalismus ritten damals manche andere in Europa auch, mit der einzigen Ausnahme, dass sie versuchten, ihre innereuropäischen Heimatgebiete "ethnisch rein" zu gestalten, sie wanderten nicht aus. Daraus entwickelte sich die Situation, die wir aus anderen Kolonialgebieten mit Masseneinwanderung kennen: Entrechtung, Ausrottung oder Assimilation der alteingesessenen Bevölkerung. Dies auch in Palästina von Anfang an und bis heute.
So bleibt am Ende nur die Hoffnung, das israelische Volk möge sich von Scharon und seinen schrägen Bündnispartnern befreien, die besetzten Gebiete räumen, die Siedlungspolitik beenden und rückgängig machen und das Land gemeinsam mit den Palästinensern entwickeln, wenn es denn unbedingt sein muß, für längere Zeit auch in getrennten Staaten, aber mit der Perspektive eines friedlichen, sozialistischen Zusammenlebens aller Menschen dort. Es geht sowieso nicht anders.
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Autor: Charly Kneffel, Berlin 2002
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, 09.12.2002
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