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im Roten Salon


No Logo-Linke? Logo, aber wie?

Noch ein Nachtrag zu Elsässers Vorschlägen in der Jungen Welt

Manchmal muß man noch einen Nachtrag schreiben zu einem Thema, das man bereits behandelt hatte. Bei aller Verblüffung über die jüngste Entwicklung in der Zeitschrift Konkret, bei Jürgen Elsässer und auch bei der Jungen Welt, die ihrem "verlorenen Sohn", mit dem sich ihre heutigen Protagonisten vor 5 Jahren fast geprügelt hätten, wieder zwei Ausgaben widmet und dabei seine Texte als wichtig einschätzt, daß sie sie aus Werbegründen (wie man vermuten darf?) nicht ins Internet setzt, habe ich doch beinahe den konstruktiven Dreh übersehen, den Jürgen Elsässer in seinem zweiten Beitrag (JW; 9.12.S.10-11) findet: die No-Logo-Linke. Das wäre schade, denn der Vorschlag, so banal er der Sache nach auch ist, hat es in sich. Im Kern bedeutet er, daß die besseren Teile der Linken aus ihren "bisherigen politischen Gräben" herauskommen und sich miteinander verständigen sollen, um eine neue Bewegung, die sich dem "Schwur von Buchenwald" verpflichtet fühlt, zu schaffen.

Ein guter Vorschlag, nicht ganz neu, aber eigentlich genau das, was man braucht und was einer Linken, die sich ja auch in der Tradition der Aufklärung sieht, im Prinzip auch möglich sein sollte. Sollte man wenigstens denken, doch muß man auch sehen: das wäre wirklich neu in der deutschen Linken und nicht nur in der deutschen.

Daß Linke sich nämlich immer wieder neu in "Logo-Linken", also jeweils ihrem Etikett ihrer Strömung, Führung oder (selten) ihrem Programm verpflichtet fühlen und selten die Souveränität haben, andere Positionen ernsthaft zu erwägen, hat doch auch mit den Charakteren zu tun, aus denen diese Linke besteht. Es ist nämlich nur möglich, aus den meist mehr oder weniger willkürlich (durch Entscheidung) bezogenen Positionen herauszukommen, wenn man entweder sehr schwach ist und einfach zugeben kann, daß man die Sache so sieht, sie aber auch anders sein könnte und bereit ist, Argumente zu prüfen; eben deshalb, weil man sowieso für die eigene Identität keine solche Position braucht bzw. auch keine Ambitionen hat, als etwas Bedeutendes zu gelten; oder eben das Gegenteil, wenn man so stark ist, daß man in der Lage ist, vor sich selbst und vor der Öffentlichkeit zuzugeben, daß man da und dort diesen oder jenen Fehler gemacht hat und die Angelegenheit nun ganz anders sieht. Das ist nämlich erstens schlecht für das Renommee - so wird man nicht als Meinungsführer angesehen - und zweitens, was vielleicht schlimmer ist, man muß ständig das tun, was der Alte aus Trier einst verlangt hat: sein Urteil über die Sachverhalte, die Menschen und sich selbst in Frage stellen. Eigentlich in Nach-Marxschen Zeiten eine Selbstverständlichkeit, aber es fordert eine Charakterstärke und eine geistige Souveränität, die wohl die meisten überfordert.

In dieser Situation ist ein Logo bequemer. Ich bin eben "antideutsch", "antiimperialistisch", "Kommunist", "Feministin" oder was weiß ich wie "undogmatisch". Vielleicht folge ich auch den großen Führern Josef S. oder wahlweise Leo T.! Das bringt mit sich, daß man immer schnell zu allen möglichen Fragen der Welt ganz fix genau weiß, wo der Bartel den Most holt. Viele bewältigen auf diese Weise auch ihre Familiengeschichte, ihren Nazivater oder Nazistiefvater oder sonstwas. Verständlich, aber für die Welt letztlich irrelevant.

Und so wird Jürgen Elsässers "No-Logo-Linke" letztlich kleine Brötchen backen müssen; entweder läuft es, was schade wäre, darauf hinaus, daß ein paar neue Gurus eine neue Gruppe bilden, vielleicht "Gruppe Neue Sachlichkeit"? Viel wird das nicht nützen, weil wir dann am Ende statt 12 eben 13 Sekten haben. Oder, was besser wäre, man bekämpft dort, wo man Einfluß hat, die Borniertheit und die Scheuklappen und geht vorerst Bündnisse ein, wirbt aber vor allem publizistisch für dieses Politikverständnis.

Dann könnte was draus werden. Es wäre auch angesichts der Lage allerhöchste Zeit.

  • Autor: Charly Kneffel, Berlin 2002
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, 11.12.2002