Ex Pressis Verbis
Lustiges aus dem 'Tagesspiegel', Folge 2
Wenn Alt-68er oder, wie in diesem Falle, Alt-Post-68er anfangen von Revolution zu reden, ist Vorsicht geboten: Zwar wird nie was Gescheites draus, aber folgenlos bleibt es meist auch nicht. Und wenn dann ein ehemals ganz undogmatischer Marburger Revolutionär aus dem "Philosophie-Aktiv", der es zwar nicht weit bei seinem Marsch durch die Institutionen, aber doch immerhin bis in die Redaktion des 'Tagesspiegel' gebracht hat, die Revolution wiederentdeckt, dann muß man schon genau hinschauen, auf den Bernd Ulrich:
Um es etwas überspitzt und in einer Sprache zu sagen, die den herrschenden 68ern verständlich ist: Die revolutionäre Situation ist da
Ei verbibsch, das ich das noch mal erleben darf. Ein Revolutionär auf gutbürgerlichem Posten auf dem Wege "Back to the Roots". Doch was will uns der Philosoph damit sagen?
Dennoch spricht vieles dafür, daß die Deutschen nun soweit sind. Die Endlos-Tirade der Liberalisierer dieser Welt zeigt Wirkung und vor allem: Die Krisenzeichen sind unübersehbar, so sehr, daß die besitzstandswahrende gewerkschaftliche Ver.Di-Oper das Publikum nicht mehr wirklich beruhigt.
Hier also die Akteure: Als Revolutionäre sehen Sie die "Deutschen", als Avantgarde die "Liberalisierer" und das "Ancien regime" ist auch schon angedeutet "die besitzstandswahrende Ver.Di-Oper". Mir schwant Fürchterliches.
Die Frage, ob die Deutschen nun endlich zu grundlegenden Reformen, zu mehr Risiko und Verzicht bereit sind, läßt sich nicht so einfach beantworten. Auch Betonisten wie Müntefering und Scholz vertreten ja eine starke Kraft im Volke, den inneren Schweinehund, der in uns allen die wirr gewordene Welt anbellt.
Die Konterrevolutionäre werden identifizierbar: Müntefering und Scholz, die "Betonisten". Das klingt alles sehr nach 1989, wo es noch "Betonköpfe" gab. Es wird also wohl wieder eine Wende. Und noch etwas ist doch sehr dankenswert, endlich mal erfährt man, wen die Charaktermasken im Bundestag vertreten: den "inneren Schweinehund" nämlich, welcher im Volke sitzt. Das haben, wie ich mich dunkel erinnere, unsere Marburger Politiologie-Professoren ganz anders gelehrt. Da war was von Bourgeoisie oder so zu hören. Aber wer kann Deppe oder Fülberth schon trauen? Dabei hatte er doch so gut angefangen:
Das eben ist das Elend mit dieser Generation. Sie haben so gründlich umgedacht, wollen so sehr das Gegenteil von dem, was sie früher einmal waren, daß die Revolutionäre drauf und dran sind, die revolutionäre Gelegenheit zu verpassen. Das wäre dann zwar hübsch ironisch, würde Fischer und Schröder aber alsbald von der Bühne fegen. Wäre das nicht schade für die beiden - nach dem langen Marsch durch die Institutionen?
Der sie ja auch nur in die Regierung geführt hat, wo man eben leichter weggefegt wird als aus der Redaktion des 'Tagesspiegel'. Sozusagen Berufsrisiko! Aber nun hat man ein klares Bild von der Ullrichschen Revolution und sieht ihn schon kommen, den Furor Teutonicus, der die müden Alt-68er, die den Liberalisierern einfach nicht folgen wollen, weil sie mit den Betonisten aus der SPD, die den Inneren Schweinehund verteten, welcher aber auch im Volk sitzt, nicht fertig werden, obwohl das Volk die besitzstandswahrende Ver.Di-Oper schon lange satt hat. Donnerwetter! Welche Brut haben sie da herangezüchtet, Herr Tuschling, Herr Janich, Herr Tetens und auch Du, armer Klaus Peters. Gut, von Marx wollte er nie viel wissen, aber nun ist er bei Nietzsche, bei der "Umwertung aller Werte". Hat der Kerl etwa einen Magister?
Jürgen Elsässer ist ein ganz armes Schwein, erstens sowieso, zweitens, weil ihn 'Konkret' rausgeworfen hat, drittens weil das alles die Presse nicht so sehr beachtet, aber vor allem weil, wenn sie es doch tut, solche großen Journalisten heranläßt wie die Caroline Fetscher, der man ihren Unmut, sich mit dem Thema befassen zu müssen, deutlich anmerkt ('Tagesspiegel'; 10.12.2002;)
Zahllose linke Positionen konkurrieren in der neuen Unübersichtlichkeit der Weltordnung inzwischen um die Gunst kritischer und/oder empörter Zeitgenossen. Elsässer, dezidiert antideutsch, anti-militaristisch, anti-antisemitisch und vieles Sympathische mehr. Seine Elsässer-Welt, in der es einen "Joschka Bin Laden" gibt, und einen vom "Westen" bösartigerweise ramponierten Slobodan Milosevic, transportierte er auch in die 'Junge Freiheit' und, als diese sich spaltete, in die 1997 in Berlin entstandene Wochenschrift 'Jungle World'.
Und wieder einmal muß die Geschichte des deutschen Pressewesens umgeschrieben werden. 1997 spaltete sich also die 'Junge Freiheit' u.a in die 'Jungle World'. Das hört man gern. Und was wurde der andere Teil? Vielleicht die 'Junge Welt'? Wenn das Dieter Stein wüßte. Noch muß man sich fragen: Ist das nun der Druckfehlerteufel oder hatte hier Sigmund Freud seine Hand im Spiel? Warten wir`s ab. (und hübsch auch die geschickt eingeworfenen Brocken aus den aktuellen Diskursen: "neue Unübersichtlichkeit" (Achtung: Habermas!) und "Weltordnung" (davon hat man auch schon gehört - die Dame ist gebildet)
Es folgten regelmäßig Scheidungen und neue Ehen, nun steht er allein da, lutherisch, nicht anders könnend. Elsässers Website weist ihn als journalistischen Handke aus, der seine wichtigsten Mitteilungen über Serbien auch auf Serbisch preisgibt, und als "Jirgen Elsezer" sogar in Belgrader Zeitungen wie "Politika" und "Danas" schreiben darf.
Was doch irgendwie gemein ist, denn aus unerfindlichen Gründen darf Caroline Fetscher das nicht. Obwohl sie doch, wie das achtlos hingestreute "lutherisch" samt nachgeschobenem Bonmot beweist, wirklich eine gebildete Frau ist. In 'Konkret' hat man den Namen Fetscher auch noch nicht gelesen, was seinen Grund hat:
Jedoch - mittlerweile - ist 'Konkret' ein blasser Mythos der Linken, manchmal noch witzig, oft ärgerlich selbstbezogen, gelesen von einer ungenannten kleinen Zahl alter Recken, deren Weltbild nicht wackelt.
Was doch, angesichts der an alte kommunistische Parteien erinnernden Zickzack-Wendungen, die das neue 'Konkret' seit Beginn seiner Existenz durchgemacht hat, linkssozialdemokratisch-propalästinensisch in den 70ern, mit Bissinger auf dem Weg zur linken Illustrierten, dann liiert mit Jan-Philip Reemstma fast bei der Totalitarismustheorie angekommen, seit 1989 schwer antideutsch und leidend am grassierenden Morbus Israelensis, doch wie sollte da das Weltbild wackeln? (schön auch die Anspielung auf Handke, aber das hatten wir schon)
Man muß es eingestehen: So unbeirrt und integer Gremliza nach wie vor ist, andere haben 'Konkret' weitgehend den Rang abgelaufen. Wer sich über das linke Meinungsspektrum informieren will, findet in der professionell gemachten 'Jungle World' (www.jungle-world.com) weitaus mehr aktuellen, kontroversen, mutigen und lustigen Denkstoff. Abgesehen von einigen blinden Flecken auf der balkanischen Seite der Erde ist dort linker, junger Pluralismus lebendig, auch in der Beilage "Subtropen" in jeder ersten Nummer des Monats, hervorgegangen aus der intellektuellen, von vielen vermißten Hochglanzzeitschrift 'Die Beute'.
Im Ernst: Das hat der alte Gremliza verdient! Doch die Dame Fetscher kann man nur warnen: Mag ja sein, daß der 'Tagesspiegel' ein Scheißblatt ist und dementsprechend beschissen zahlt, aber bevor man solche Bewerbungsschreiben verschickt, sollte man wissen, die Jungle World zahlt, wie der Verfasser aus ungewöhnlich gut unterrichteten Quellen weiß, noch schlechter. Das kanns nicht sein. Doch zu danken ist Dame Fetscher dennoch, nun weiß man wenigstens, woher die Verwechslung von 'Junger Freiheit' und 'Junger Welt' kam: Es war nicht der Druckfehlerteufel und auch nicht der Dr. Freud, sondern der Jungle im Kopf der gebildeten Dame, aus dem sie heraustrat und in der neuen Unübersichtlichkeit landete, von wo wir sie jetzt schleunigst zurücksenden sollten in die Subtropen, bevor sie erst vollends des Wahnsinns fette Beute wird.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin 2002
Verfaßt: am 11.12.2002
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin 11.12.2002
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