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im Roten Salon


Ryan´s signifikanter Abgang

Vom Saulus zum Paulus - Gouverneur von Illinois wandelt Todesstrafe um

So mutig zu sein, können sich in den USA wohl nur Politiker erlauben, die nichts mehr zu verlieren haben. George H. Ryan, am heutigem Montag scheidender Gouverneur von Illinois, hat - 48 Stunden vor dem Ende seiner Amtszeit - alle 156 noch bestehenden Todesurteile in lebenslange Freiheitsstrafen umgewandelt. Bereits kurz zuvor hatte er vier zum Tode verurteilte Männer gleich auf freien Fuß gesetzt, nachdem sich herausgestellt hatte, daß ihre Geständnisse nur aufgrund von Foltermethoden der Polizei zustande gekommen waren.

Ganz überraschend kam das "Wunder von Illinois", wie freudig überraschte Todesstrafengegner diese Entscheidung jetzt titulierten, allerdings nicht. Die langsame Wandlung des ursprünglich überzeugten Anhängers der Todesstrafe zu ihrem Gegner - sozusagen vom Saulus zum Paulus - hatte schon vor drei Jahren, als Ryan ein Moratorium für die Hinrichtung ansetzte, begonnen. Mit dem Fall Porter. Ein damals aufsehenerregender Fall: eine Gruppe von Jurastudenten hatte - unterstützt von einem angeheuerten Privatdetektiv - nachgewiesen, daß der 1983 wegen Mordes verurteilte Anthony Porter unmöglich schuldig sein konnte und in der Folgezeit hatte sich die Aufdeckung von "Justizirrtümern" in Illinois zu einem regelrechten Volkssport entwickelt. Wer etwas auf sich hielt, ermittelte, allen voran die örtliche Presse und so wurden in der Tat eine ganze Reihe von Ungereimtheiten bei zahlreichen Todesurteilen aufgedeckt und eine vom Gouverneur eingesetzte Kommission kam schließlich zu dem Ergebnis, daß auch in Illinois die Hinrichtung eines Unschuldigen keineswegs ausgeschlossen werden könne. Das ganze System sei "fehlerhaft". Damit stand ein weiteres Todesurteil fest: Diesmal das für die Todesstrafe selbst. Ryan erklärte, nicht mehr an der "Spirale des Todes" mitdrehen zu wollen. Jetzt ist Ryan, dem das persönlich allerdings egal sein kann, zu einer Symbolfigur der Todesstrafengegner geworden, die sich sogar dazu verstiegen, für ihn den "Friedensnobelpreis" zu fordern. Immerhin: Wenn man bedenkt, wer den sonst noch bekommen hat (Kissinger beispielsweise oder Menachem Begin) vielleicht gar keine so üble Idee, aber doch natürlich unangemessen.

Jetzt wird die Diskussion in den USA über die Todesstrafe wahrscheinlich intensiviert werden. Zwar ließ US-Präsident Bush bereits verlauten, seine Haltung zur Todesstrafe sei "unverändert", auch der Neue Gouverneur vor Maryland, Rod Ehrlich, kündigte bereits an, das von seinem Amtsvorgänger verhängte Moratorium in diesem Staat der Ostküste sofort aufkündigen zu wollen, zwar steht laut Umfragen weiterhin eine übergroße (wahrscheinlich Zweidrittel-) Mehrheit der US-Bürger hinter der Todesstrafe und auch einige Vertreter der Opfer der in Illinois einsitzenden Todeskandidaten protestierten lautstark, behaupteten gar, Ryan habe ihre Angehörigen ein "zweites Mal ermordet", aber eine gewisse Verunsicherung ist der amerikanischen Öffentlichkeit durchaus anzumerken. Schließlich stehen die USA heute - abgesehen von der VR China - allein auf weiter Flur in der Anzahl der legal hingerichteten Personen (es gibt selbstverständlich eine hohe Dunkelziffer, aber das ist ein anderes Thema) und die Liste der Staaten , die in der "Hitliste des Todes" neben den USA auftauchen, wirkt doch fast wie eine komplette Liste der "Schurkenstaaten". Das ist nur wenigen Mittelwestlern und Fanatikern nicht peinlich. Zwar hat sich amerikanisches Sendungsbewußtsein noch immer mühelos über die Weltmeinung hinweggesetzt, aber weh tut es doch.

Zur Zeit sitzen in den USA ca. 3 600 Menschen in der Todeszelle, 2001 wurden 71 Todesurteile vollstreckt (die Zahl für 2002 ist noch nicht offiziell bekannt). Von den Hinrichtungen entfielen immer die meisten allein auf Texas, schon zu George W. Bush´s Zeiten, aber wohl auch jetzt. Dort sieht man die Entwicklung mit Sorge. Auch das ist nicht das Schlechteste. Doch die Sache sollte Vorrang haben in der Beurteilung. Es muß Schluß sein mit der Spritze, dem elektrischen Stuhl, dem Galgen und dem Erschießungskommando. Wenigstens in "normalen" Zeiten. Vielleicht hat George Ryan diese Entwicklung jetzt in Gang gesetzt.

  • Autor: © Charly Kneffel, Berlin
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 21.01.2003