Unbeugsam gegen Krieg und Imperialismus
Zum Tode von Phil Berrigan
Er war ein Pazifist der besonderen Art, wenn man den Ausdruck "Pazifist" bei ihm überhaupt verwenden sollte. Er war Katholischer Priester, übte dieses Amt im Rahmen der Kirche zumindest schon lange nicht mehr aus. Sie hätte ihn auch nicht ertragen, denn er hatte seine eigene Auffassung von dem, was gottgefällig ist. Zu seinen unverwechselbaren Insignien gehörte der Hammer, eigentlich ein Werkzeug, das aber , wie man aus der Mythologie weuß, gelegentlich auch als Waffe eingesetzt wird. Phil Berrigan machte daraus ein Waffe des Friedens. Dem hatte er sich seit ungefähr 40 Jahren mit Haut und Haaren und vor allem einem großen Maß an Opferbereitschaft verschrieben, etwa seit der Zeit, als die direkte "Verstrickung" der USA in den Vietnamkrieg begann. Dabei war aber der Vietnamkrieg, obwohl er durch diesen später zeitweilig weltberühmt werden sollte, gar nicht sein Hauptthema. Das waren vielmehr die Atomwaffen, deren Herstellung, Planung und Gebrauch (wozu es dann glücklicherweise während seines Engagements nicht mehr kam) er mit wahrhaft biblischem Eifer bekämpfte.
Schon 1967 hatte er zu den "Baltimore Four" gehört, die Blut auf Entwurfspläne für Atomwaffen in Baltimore sprotzte. Später zu den "Catonsville Nine", immer begleitet von seinem Bruder Daniel. 1968, was auch in den USA ein großes Jahr war, wurde er dann berühmt , als er in Baltimore Einberufungsbescheide der US-Army für den Vietnamkrieg öffentlich verbrannte. Es waren übrigens nicht seine eigenen, immerhin war Berrigan da schon über 40 Jahre alt. Mit Dan Und Phil Berrigan bildete sich im folgenden so etwas heraus wie ein militant-katholischer Flügel der US-Friedensbewegung, zwar klein, wie man sich bei der Haltung der US-Kirche denken kann, aber dafür um so aktivistischer. Schon die Baltimore und die Catonsville-Aktionen hatten ihn ins Gefängnis gebracht. Mit dem sollte er noch öfters Bekanntschaft machen.
Aufsehen erregte Berrigan auch in den 80er Jahren, als er die "Pflugscharbewegung" gründete, die sich den aktiven Kampf gegen Rüstungsprojekte und insbesondere solche mit nuklearem Hintergrund widmete. Durchaus mit rabiaten Methopden. Man drang in militärische Lager ein und bearbeitete die dort vorgefundenen Waffen mit dem Hammer, Entwurfspläne wurden mit Blut bespritzt, ggfs. zerrissen , auf jeden Fall unbrauchbar gemacht.
Man hat alles getan, den Berrigans und ihren Mitstreitern das Leben sauer zu machen, wobei die weltweiten Solidaritätserklärungen oftmals kurzfristig sogar zu einer Verschärfung der Urteile führten, da sich manche Richter berufen sahen, bei diesen gefährlichen Gegnern ein Exempel zu statuieren. 1971 versuchte der berüchtigte FBI-Chef J. Edgar Hoover - das war der, der seinem Chauffeur aus politischen Gründen verboten hatte, Linkskurven zu fahren - ihn , gestützt auf die Grand Jury von Harrisburg, mit einer waghalsigen Anklage für immer hinter Gittern zu bringen. Berrigan sollte, gemeinsam mit anderen, versucht haben, den späteren Außenminister und damaligen Sicherheitsberater Präsident Noxons Henry Kissinger zu entführen. Berrigan saß damals bereits im Gefängnis. Doch konte man ihn vor Gericht nur überführen, unbemerkt Kassiber aus dem Gefängnis herausgeschmuggelt zu haben. Das war ein Flop des mittlerweile durchgedrehten Hoover. Doch Berrigans kampf ging unbeirrt weiter.
1973 hatte er in Baltimore das "Haus Jonah" gegründet , eine Heimstatt für den Kreis um die Berrigans mit dem besonderen Ziel, sich dem Kampf verschiedener Gruppen gegen Nuklearwaffen im Weltraum, allgemein in der welt bzw. allen katholischen Friedensbewegungen zu widmen und diesen, auch materiell, zu unterstützten.
1999 machte Phil Berrigan, mittlerweile 76, noch ein letztes Mal groß von sich reden, als mit drei Kameraden in den Fliegerhorst von Warfield (Maryland) eingedrungen war , wo sie in bekannter Art zwei US-Thunderbolts "entrüsteten". Diese Flugzeuge, volkstümlich "Warzenschweine" genannt, haben als Kern eine siebenläufige "Gating-Kanone", die 3 900 Granaten pro Minute abschießen kann. Diese Flugzeuge (nzw. dieser Typ) waren es, mit denen die berüchtigte abgereicherte Uran-Munition während des zweiten Golfskriegs (1991) und in Jugoslawien abgeschossen hatten. Während Berrigan und eine Gefährtin einen Bomber bearbeiteten , taten zwei andere dasselbe beim zweiten gerät, dann gossen sie Blut in das Düsentriebwerk und auf den Rumpf. Es war übrigens ihr eigenes, das sie sich hatten abnehmen lassen. Dies sollte den "Leib Christi" symbolisieren und den Bund "der Gewaltfreiheit mit dem Nichttöten".
Man mag über diese religiöse Ideologie befremdet sein, doch das Engagement ist beeindruckend.
Richter James T. Smith war auch beeindruckt. Obwohl der Staatsanwalt (!) Haftstrafen von drei bis sechs Monaten gefordert hatte, sprach er folgende Urteile: Phil Berrigan bekam 30 Monate; Stephen Kelly und Susan Crane 27 Monate und 18 Monate für Elizabeth Walz. Den Richter hatten insbesondere die zahlreichen Solidaritätserklärungen aus dem In-und Ausland verärgert und er folgte seiner Absicht, andere militante Kriegsgegner abzuschrecken. Phil Berrigan mußte noch einmal ins Gefängnis und kam erst im Dezember 2001 frei. Da hatte er noch ein Jahr zu leben.
Phil Berrigan wurde 79 Jahre alt, 11 davon hat er im Gefängnis verbracht.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 21.01.2003
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