Pfui Rosa
Der schwule Aktivist wurde 60
Richtig ruhig wurde es um ihn nie. Jetzt ist er auch schon 60 Jahre alt geworden und gehört damit schon längst zu dem, was er nun wirklich nie sein wollte, oder was er zumindest vorgab, nie sein zu wollen: zum Establishment. Denn abnehmen sollte man ihm diese Attitüde des ewig Rebellischen nicht. Das Rebellische war für ihn, einen echten 68er, selbst ein Teil ihrer Masche geworden, der sie bis ins Alter treu blieben. Die ewige Jugend als Markenzeichen.
Rosa von Praunheim wurde als Holger Mischwitzky in Riga (Lettland) geboren. Da konnte er natürlich aufgrund der Zeitumstände nicht lange bleiben und so wuchs er in der DDR, am südlichen Stadtrand von Berlin, auf. 1953 machten seine Eltern rüber, wie man so sagte. Da besuchte Holger das Gymnasium. Er ging nach der Mittleren reife ab, besuchte eine Kunstschule, verließ sie ohne Abschluß. Eine richtige Boheme-Perspektive, die, wie man früher wußte, sowohl zu den höchsten Höhen der Gesellschaft als auch zu den traurigsten Orten derselben führen kann, tat sich auf.
Seit Anfang der 60er Jahre nannte sich Holger Mischwitzky "Rosa von Praunheim". Einen Künstlernamen hatte er für die Kunstschule gebraucht und der Name war gewissermaßen Programm und Identität gleichzeitig. Rosa für die Farbe - den Winkel - die die Schwulen KZ-Häftlinge während der 1000 Jahre tragen mußten. Praunheim nach dem gleichnamiger Frankfurter Stadtteil, in dem er mit seinen Eltern gelebt hatte. Von Praunheim wie Von Fallersleben. Mit demselben Augenzwinkern.
Ab 1967 begann er mit einigem Erfolg Filme zu machen. Dafür gab es Geld; nicht viel, aber genug, um gleich den nächsten Film zu machen, so hangelte sich R.v.P. von Film zu Film wie Tarzan von Liane zu Liane. "Von Rose von Praunheim", "Rosa Arbeiter auf goldener Straße", dann (1970) die "Bettwurst". Da war der Name Rosa von Praunheim schon ein Markenzeichen. Und nun lag Schwulsein im Trend, ebenso wie Politisch-Sein. Beides paßte auf den Mann (?) geradezu idealtypisch. "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt" - eigentlich ein ziemlich umständlicher Titel, aber all´das paßte in diese Zeit, genauer ins Jahr 1971, als die Popwelle, ebenso wie die APO schon verebbt war und als "progressiv" wurde. Da konnte der politische Homosexuelle als "Helga auf höherer Stufenleiter" durchgehen. "Schwestern der Revolution" war ein anderer Film, propagierte die Schwulen an der Seite der Frauenbewegung, die sich aber mehr als schwer tat, diese "Frauen" vorbehaltlos zu begrüßen.
Jetzt begannn für Rosa von P. eine problematische Zeit, denn die Ära der relativ leicht zu erreichenden Durchbrüche war bald vorüber. Von Praunheim fand Kontakte in den USA und wurde künstlerisch anspruchsvoller, er wandelte sich vom schwulen Dutschke zum Fassbinder-Groupie. "Thally Brown" brachte die New Yorker Erfahrungen, "Unsere Leichen leben noch" ein weiteres Thema, für das der Regisseur bekannt werden sollte, die Liaison mit älteren Damen, auch da ein bißchen von Fassbinder, der einige Zeit dafür Brigitta Mira in die moderne Szene überführt hatte, inspiriert. Die AIDS-Problematik brachte den "Safer Sex"-Propagandisten Rosa von Praunheim auch wieder politisch ins Gerede. Und seine bisweilen provokativ harte Kritik an den Schwulen, die er der Feigheit und Verantwortungslosigkeit zieh.
Anfang der 90er Jahre begann er prominente Schwule gegen deren Willen zu "outen", Leute, die, wie er meinte, nichts zu befürchten hatten und dennoch ihr Schwulsein verehimlichten, obwohl sie durch ihr Bekenntnis viel hätten dazu beitragen können, die immer noch unterschwelligen Diskriminierungen von Schwulen zu beenden. Einige der Angesprochenen traten daraufhin die Flucht nach vorn an: Alfred Biolek und Hape Kerkeling waren darunter. Allerdings wurde "Outing" dann zum Volkssport - jeder outete jeden, manche Outings waren schlicht falsch.
Zu diesem Zeitpunkt feierten einige ältere Damen, reizende Diven zumeist, mit Hilfe Praunheims ihr Comeback in der Öffentlichkeit, etliche von ihnen selbst "schwul" bzw. lesbisch oder,wie bei Frauen oft, "bi".
Rosa von Praunheim war zu diesem Zeitpunkt selbst schon eine Figur des Establishments. Jetzt konnte er "seriös" arbeiten. Über Magnus Hirschfeld, über Fassbinder, schließlich "Tunten lügen nicht" oder "Kühe, vom Nebel geschwängert" - zuletzt, gewissermaßen als Geburtstagsgeschenk an sich selbst "Pfui Rosa".
Das hört er wohl gern, wenn man auf sein Lebenswerk blickt. Na also denn: Pfui Rosa!
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 21.01.2003
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