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im Roten Salon


Die kritische Stimme der alten Bundesrepublik

Zum Tode von Rudolf Augstein

Es ist langsam die Zeit, in der die alte Garde der Bundesrepublik Deutschland abtritt. Nach Siegfried Unseld ist nun auch Rudolf Augstein gestorben, Gründer, Herausgeber , Chefredakteur und bis zuletzt einflußreicher "alter Mann" des Spiegel. Kein Zweifel: Rudolf Augstein hat in der alten BRD Geschichte geschrieben, meist als Begleiter, doch manchmal auch als Akteur der Zeitgeschichte. Rudolf Augstein war immer zweierlei: Journalist, als solcher prägend für die Adenauer-Republik wie für die Ära Brandt, und Zeitungsmacher, dessen bleibendes Produkt "Der Spiegel" für die deutsche politische Presse stilbildend wurde. Erst seit Anfang der 90er Jahre konnte sich mit dem Münchener "Focus" ein anderes, dem Habitus nach ähnliches Produkt, dauerhaft in der deutschen Presselandschaft etablieren.

Zu diesem Zeitpunkt war Rudolf Augstein, der die operative Führung des Spiegel längst an Stefan Aust abgegeben hatte, schon eine Legende.

Geboren am 5. November 1923 in Hannover stieg er schon kurz darauf als Volontär beim "Hannoverschen Anzeiger" die journalistische Laufbahn ein. Er kam auch , seinem Alter entsprechend, drei Jahre zur deutschen Wehrmacht, wo er beinahe den ihm gegenüberliegenden Alexander Solschenizyn 1945 in Ostpreußen "kennen gelernt" hätte. Das blieb beiden zunächst erspart. Augstein geriet noch kurz an die Wesfront und in amerikanische Gefangenschaft, kam aber schon sehr bald wieder frei und konnte als Journalist beim "Hannoverschen Nachrichtenblatt" arbeiten, einem Blatt , das von der britischen Militärregierung, die für Norddeutschland zuständig war, lizensiert worden war. Dort muß er auf das Medium "Nachrichtenmagazin" gestoßen sein, denn, so banal es klingt, dieses "Nachrichtenblatt" hatte ein Magazin mit dem Titel "Die Woche", dessen Chefredakteur Augstein bald wurde. Dieses Magazin eines "Nachrichtenblattes" hieß dann ab Ausgabe 1/47 Der Spiegel. Augstein wurde ab 1950 Verleger des Magazins - zusammen mit John Jahr, der ab 1962 von Richard Gruner abgelöst wurde. 1969 wurde Augstein Alleineigentümer, 1971 kehrten seine alten Kollegen als "Gruner + Jahr" zurück. Nach einem sehr kurzen Ausflug in die aktive Politik 1972 ("Wir müssen mehr Demokratie wagen." - Willy Brandt) beschränkte sich Augstein dann in Folge wieder ganz auf sein eigentliches Metier. Aufsehen erregte seine "Schenkungsaktion" 1974, als er 50 Prozent seiner Anteile auf die Spiegel-Belegschaft übertrug, eine Mischung aus Apo-Romantik und Geschäftsinteresse.

Was heute aus dem Spiegel geworden ist, hätte sich der junge Herausgeber Augstein sicher selbst nicht vorstellen können, schließlich hat allein die Revolution der Medien aus dem Nachrichtenmagazin eines Medien-Konzern gemacht, der sich aber, im Unterschied zu Bertelsmann, nur Zug um Zug von seinem "Kerngeschäft" entfernte. Das Nachrichtenmagazin blieb der Kern, daneben erschienen aber Veröffentlichungen wie Spiegel Special, das Fernsehmagazin Spiegel TV Magazin, SpiegelOnline und schließlich den eigenen eigenen Fernsehsender XXP TV (zusammen mit DCTP).

Das Verhältnis des Spiegel zur alten BRD blieb ambivalent: Einerseits gehörte er unter den Bedingungen des Kalten Krieges und der deutschen Spaltung unabdingbar dazu, andererseits war er jedoch auch immer der kritische Begleiter. Schon 1959 gab es den ersten, noch vergleichsweise harmlosen, Skandal, als der Spiegel behauptete, die Wahl Bonns zur provisorischen Hauptstadt der alten BRD sei nur aufgrund von Bestechung zustande gekommen. Da gab es den ersten Spiegel-Ausschuß, doch die Sache verlief im Sande.

Bundesweit bekannt wurde der Spiegel schließlich 1962, als im Magazin die Geschichte "bedingt abwehrbereit" erschien und insbesondere sein Intimfeind Franz-Josef Strauß auf der Verhaftung Augsteins wegen "Landesverrats" bestand. Neben dem Autor des Artikels, dem später bekannten Conrad Ahlers und dem Chefredakteur Jacobi wurde schließlich auch Augstein, der sich freiwillig stellte, festgenommen und erst nach 103 Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen. 1965 wurde das Verfahren eingestellt. Strauß mußte einen zeitweiligen Karriereknick hinnehmen und sogar wenig später zurücktreten, wenn auch aus anderen Gründen. Das hat seinem späteren Aufstieg, wie man weiß, nur "bedingt geschadet". Wie das Verhältnis zwischen beiden später war, wußten wohl nur sie selber, vielleicht war es das, was Strauß - wenn auch mit Bezug auf einen anderen - später "Männerfreundschaft" nannte.

In der Folge hatte Augstein seine Glanzzeit: als während der Hochphase der APO die Nachkriegsgeneration mit ihren Ansprüchen anmeldete und der Zeitgeist von der "unpolitischen Generation" rasch, vermittelt über die Katalysatoren Vietnamkrieg, Nazi-Vergangenheit und Reformblockade vieler Institutionen, ins Sozialliberale umschlug, was jedoch von vielen als Revolution mißverstanden wurde, war Augstein nicht mehr primär der kritische Begleiter, sondern selbst ein Macher, oder sagen wir besser, Profiteur dieses Zeitgeistes. Zeitweilig konnte der Spiegel, in dem damals Hermann L. Gremliza und Otto Köhler schrieben, als eine Art Mainstream-Organ der "Reformära" gelten. So sah er dann auch freilich bald aus: Die kritischen Journalisten, die ihren linken Anspruch ernst gemeint hatten und dabei blieben, wurden rasch wieder ausgeschieden: Sie landeten bei Konkret oder beim Extra Dienst. Und Augstein, dem man davon für einige Jahre nichts angemerkt hatte, wurde in den 80er Jahren immer "deutscher". Doch war das keine Wandlung, sondern allenfalls ein Zurück zu den Ursprüngen. In seinen Büchern war das allerdings abzusehen gewesen: "Konrad Adenauer", "Preußens Friedrich und die Deutschen" und schließlich "Deutschland-einig Vaterland", aber das war dann schon 1990 und man wußte eh, wer das Spiel gewonnen hatte.

Mulmig wurde Augstein dann nach dem 11. September 2001, als er die bevorstehende Großoffensive der US-Administration zur Neuordnung der Welt mit Beklommenheit heraufziehen sah und entsprechend kommentiert. Doch zu diesem Zeitpunkt war Augstein nicht mehr wirklich ein handelnder Akteur, sondern nur noch das, was man bei einem Politiker einen "elder statesman" genannt hätte. Seinen letzten großen Auftritt hatte Augstein dann vor einigen Wochen, als sich die Spiegel-Affäre zum 40sten Male jährte. Mit ihm geht ein Stück der alten BRD.

  • Autor: © Charly Kneffel, Berlin
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 21.01.2003