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im Roten Salon


Aus altem kommunistischem Uradel

Zum Tode von Werner Eberlein

Werner Eberlein ist tot. 82 Jahre ist er geworden, in wenigen Wochen hätte er seinen 83 Geburtstag gefeiert. Schon mit seinem Geburtstag hatte sich die Geschichte einen ihrer beliebten Witze erlaubt: Es war der 9. November, ein deutscher Schicksalstag im 20. Jahrhundert. 9. November 1919, ein Jahr nach der Novemberevolution, aber auch vier Jahre vor dem Tag, an dem Hitler für eben diese Revolution Rache nehmen und auf Berlin marschieren wollte. Er kam indes nur bis zur Feldherrnhalle. 9. November, das würde später auch der Tag der Judenprogrome ("Reichskristallnacht") sein und noch viel später würde ein gewisser Günther Schabowski "versehentlich" die Mauer öffnen. Das alles verbindet sich mit dem Datum, an dem Werner Eberlein das Licht der Welt erblickte. Kein Wunder, das ihn dieses Datum im Jahre 2002 zum Titel seiner Autobiographie inspirierte. "Geboren am 9. November" titelte der damals 81jährige seine Erinnerungen, eine - trotz mancher Gedächtnislücken bzw. Irrtümern - immer noch faszinierende Lektüre.

Werner Eberlein gehörte zum kommunistischen Uradel. Allein schon der Name Eberlein hat einen guten Klang in der Bewegung, obwohl es damit auch seine besondere Bewandtnis hat. Hugo Eberlein war der erste in der Dynastie. Mitbegründer der KPD 1918/19, Mitglied der Zentrale, dann 1919 Delegierter der KPD bei der Gründung der Kommunistischen Internationale (KI), bei der er allerdings, seinem Mandat entsprechend, den Beitritt der KPD zu dieser Organisation ablehnte, obgleich er sich persönlich von den Argumenten Lenins überzeugen ließ. Sowas nennt man Parteidisziplin. Um mehrere Ecken verwandt mit Ines (Inessa) Armand, der lange totgeschwiegenen Geliebten Lenins, die erst in der Ära Gorbatschow erwähnt werden durfte und mit dem heutigen Journalisten und Verleger Klaus Huhn. Leo Flieg, bis 1932 Sekretär im Politbüro und Anhänger Heinz Neumanns, war sein Onkel. Liest man das hat man den Eindruck, irgendwie war doch die ganze frühe KPD auf dem Weg zu einem Familienclan. Doch Hugo Eberlein ging´s danach nicht mehr gut. In den 20er Jahren geriet er - wie so viele Gründer der alten KPD - bald in eine prekäre Randexistenz. Er wurde ein "Versöhnler", ein Angehöriger der zu Thälmann in Opposition stehenden Mittelgruppe der Partei. Später mußte er in die Sowjetunion emigrieren, wo ihn Stalin 1937 verhaften ließ. Mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion geriet er, wie viele deutsche Emigranten, endgültig auf die Liste der Verdächtigen. 1941 wurde er auf Stalins Weisung hin erschossen. Ein ähnliches Schicksal hatte Leo Flieg nach dem beliebten Vorwurf, Angehöriger einer "rechtstrotzkistischen Spionageorganisation" zu sein.

Dadurch geriet auch Werner Eberlein in Verdacht. Zwar konnte er noch zuerst die renommierte Karl-Liebknecht-Schule in der UdSSR besuchen, aber dann wurde er Lastenträger und 1941 ging´s ab nach Sibirien. Daß er wieder herauskam hatte er seinem alten Freund Wilhelm Pieck zu verdanken, der ihn 1947 loseiste. Ab 1948 wirkte Eberlein in der Ostzone bzw. in der DDR. Dort arbeitete er für den FDGB und für die SED zunächst ziemlich weit untern in der Hierarchie.

Doch kann man Eberlein in den 50er Jahren auf vielen Fotos erkennen: zum einen weil er einfach aufgrund seiner Größe immer wieder alle anderen überragte, zum anderen weil er seiner gediegenen Russischkenntisse wegen oft als Dolmetscher deutscher und sowjetischer Politiker eingesetzt wurde. Das verschaffte ihm, weitaus mehr als es seine eigenen Politischen Aktivitäten erlaubt hätten, Einblick in intime Vorgänge der Politik auf höchster Ebene in den Staaten des Warschauer Vertrages. So dolmetschte er regelmäßig für Ulbricht, Pieck und Grotewohl, aber auch für Chruschtschow und Breschnew. Werner Eberlein wurde, um einen anderen Buchtitel zu zitieren, zum "Statist auf diplomatischer Ebene". Diesen Kenntnissen verdanken wir auch einige wichtige Charakterstudien führender Politiker der osteuropäischen Staaten wie Ulbricht, Honecker, Dubcek , Chruschtschow und Breschnew. Und auch andere Informationen, die freilich auch aus anderen Quellen belegbar wären. Eberlein bekam mit, daß Chruschtschow 1961 sowohl Präsident Kennedy als auch Bundeskanzler Adenauer vorab vom Mauerbau informiert hatte, nachdem sich die anderen osteuropäischen Staaten geweigert hatten, Chruschtschows Pläne, die DDR auf Kosten dieser Staaten zum Schaufenster des Ostens aufzubauen, umzusetzen. Warum auch sollten ausgerechnete die Kriegsverlierer des 2. Weltkriegs den höchsten Lebensstandard im gesamten Warschauer Vertrag haben? Verständlich, aber kurzsichtig. So kam statt dessen die Mauer. Der Rest ist bekannt.

Aber Eberlein blieb nicht auf Dauer Statist. Bis zur Wende agierte er auf dem faktisch jedoch eher weniger einflußreichen Posten des 1. Sekretärs des Bezirks Magdeburg. 1981 schließlich wurde er im für DDR-Verhältnisse jugendlichen Alter von 62 Jahren Mitglied des ZK und schließlich 1986 sogar Mitglied des Politbüros. Da blieb er solange, bis es kein Politbüro mehr gab: 1989. Immerhin wurde er als einziges Politbüromitglied in die PDS übernommen. Es hätte auch einfach keinen einigermaßen plausiblen Grund gegeben, ihn auszuschließen, wollte man nicht direkt zur Kollektivverantwortung übergehen.

Er war allerdings auch ungefährlich, denn den nunmehr 70jährigen plagte keinerlei politischer Ehrgeiz mehr.

So bescherte er der Nachwelt gerade noch rechtzeitig nur noch eines: seine bereits erwähnte Autobiographie.

  • Autor: © Charly Kneffel, Berlin
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 21.01.2003