Aufstand der linken Mitte
Gabi Zimmer schlägt die Parteirechten
So kann man sich täuschen: Gedacht war das alles nämlich ganz anders. Gabi Zimmer wurde vor zwei Jahren mit Unterstützung des als "Reformer" getarnten rechten Parteiflügels der PDS, weil man sie für schwach hielt, ja sogar für lenkbar. Doch die als Kreatur gedachte Parteivorsitzende spurte nicht so recht und als man dann schließlich glaubte - nachdem man schon fast die ganze Partei gegen die Wand gefahren hatte - endlich Tacheles reden zu sollen, da zeigte die Dame plötzlich das, was auch Gutwillige immer an ihr vermißt hatten: Format. Sie ließ sich einfach nicht wegmobben, erkannte freilich die Zeichen der Zeit und setzte sich kurz entschlossen an die Spitze der - nach dem verheerenden Wahlergebnis besonders zahlreichen - Unzufriedenen. So entstand ein bizarres Bündnis: Fallengelassene aus der linken Mitte, die wenigen "orthodoxen" Marxisten, Linksradikale und alle, die schlicht sauer waren, vereinigten sich gegen die als Ekelpakete empfundenen "Pragmatiker" und bescherten Gabi Zimmer einen Sieg, der selbst Gregor Gysi erblassen läßt.
Wie man beobachten konnte, trafen sich die Anhänger des frustrierten Dietmar Bartsch in den Wandelgängen, um über die Lage zu beraten. Dabei wurde auch der Gedanke der kollektiven Parteiaustritts ernsthaft, wenn auch vielleicht aus der emotionalen Empörung heraus, erwogen. Man beschloß aber, drinnen zu bleiben. Da hat die PDS Pech gehabt. Denn etwas anderes als der Abwurf von Ballast wäre deren Austritt (am besten mit Angela Marquardt) nicht gewesen. Aber man kann nicht alles haben und so werden die Mannen um Frau Zimmer weiter mit ihnen leben müssen.
Wie sehr Gabi Zimmer zu ihrem Sieg zu beglückwünschen ist, mag man aus den Reaktionen der bürgerlichen Presse ersehen. Die schäumt von FAZ bis Kurier den ganzen Pluralismus rauf und runter. Das ist ein gutes Zeichen. Natürlich prophezeit man nun der PDS ein baldiges Ende, aber das allein braucht Zimmer und Co. nicht zu beunruhigen, da hat sich nicht viel verändert seit 1990, als Heerscharen von Politologen und Meinungsforschern anfingen, "wissenschaftlich" nachzuweisen, daß die PDS eigentlich gar keine Funktion im Parteiensystem der BRD haben würde und bald verschwinden wurde. Als sich dies verzögerte, dichtete man ihr eine nützliche Funktion an: sie sollte den überraschend großen Anteil der "Heimatvertriebenen" aus der DDR schmerzlos intregieren. Gysi, Bisky und Bartsch (und wie sie sonst noch alle heißen mochten) taten denn auch was sie konnten, aber es scheint, noch sind sie nicht am Ziel.
Gabi Zimmer aber auch nicht. Der Sieg - so sehr er zu begrüßen ist - ist prekär, denn so groß ist der substantielle Unterschied zu den jetzt gescheiterten "Reformern" nicht. Gabi Zimmer ist eher aus Versehen in die Rolle der linken Galionsfigur geraten. Ob sie diese Rolle nun annimmt und ausfüllt, muß abgewartet werden. So oder so besteht die Stärke Zimmers darin, daß im Bereich der praktischen Politik ohnehin z. Zt. nichts anderes machbar ist als fundamentale (zumindest verbal) Opposition. Doch was wird, wenn diese Politik allzu erfolgreich ist? Immerhin hat Gabi Zimmer nun etwas Zeit in die Rolle , die ihr zugefallen ist, wirklich hineinzuwachsen.
Doch nicht nur das ist Zimmers Problem: zwar waren die Vorstände diverser Landesverbände ebenso düpiert wie die dazugehörigen Landtagsfraktionen. Dies gilt für Berlin. Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt; doch dort sitzen die rechten Flügelmänner und - Frauen fest im Sattel. Sie sind längst nicht mehr nur der rechte Flügel, sondern eben auch der Parlamentsflügel. Und sie werden sich bald erholen und ihre Macht nutzen. Dann kann es leicht passieren, daß sich in der PDS eine ähnliche Aufgabenteilung herausbildet wie seinerzeit bei den Grünen: radikaler Bundesvorstand und "pragmatische" Fraktionen. Wer dabei am Ende gewinnt, wissen wir seit Luxemburgs Zeiten.
Doch es gibt einen merkwürdigen Trost. Für die Rolle der Rosa Luxemburg ist Gabi Zimmer ebenso wenig geeignet wie für die Rolle der Jutta Ditfurth. So paradox es klingen mag: Das ist ihre größte Stärke.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 21.01.2003
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