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im Roten Salon


Das Mädel

Die heimliche Siegerin des 22. September

Was auch immer diese Bundestagswahlen gebracht haben mögen, eines unterschied sie doch wohltuend von den vorhergehenden: diesmal konnten nicht mehr alle so tun, als seien sie die eigentlichen Sieger. Stoiber mag sich wohl etwas über die Gewinne der CSU/CDU gefreut haben, vor allem über die heimischen der CSU in Bayern, aber sein eigentliches Wahlziel war es doch, Kanzler zu werden. Und gerade das blieb ihm versagt. Schröder mußte auch recht lange zittern und so recht begeistert wird er angesichts des stärkeren Einflusses der Grünen auch nicht gewesen sein, aber immerhin, er kann und wird weiterregieren. Schöner anzusehen waren da schon die Gesichter des Guido Westerwelle, der als "Kanzlerkandidat" angetreten war und ein "Projekt 18" initiiert hatte, das ihm ein gewisser Möllemann in die Agenda geschrieben hatte. Nun gilt die alte Redensart: "Als Tiger gesprungen - als Bettvorleger gelandet". Und seine Beschädigung als Parteivorsitzender, der es sich nun aussuchen kann, ob er der Hampelmann Möllemanns sein will oder der Gefangene der alten Garde (Genscher, Lambsdorff, Kinkel, Brüderle, Döring und Gerhardt). Beides wird ihm übel bekommen. Gar keine Chance, Contenance zu bewahren, hatte dagegen die PDS, bei der es in den nächsten Wochen (und vielleicht Monaten) heiß her gehen wird. Doch das soll hier nicht das Thema sein.

Etwas unbeachtet blieb dagegen die eigentlich strahlende Siegerin dieses Wahlkampfes: die CDU-Vorsitzende Angela Merkel. "Das Mädel", wie sie Alt-Bundeskanzler Kohl einstmals nannte, hat ein erstaunliches politisches Format bewiesen, wenn es auch nicht zu übersehen ist, daß ihr die Gunst der Stunde zustatten kam. Doch auch den "Mantel der Geschichte" muß man erst mal erkennen, wenn er vorüber weht. Zumindest in diesem Punkt hat die ehemalige FDJ-Funktionärin Fähigkeiten bewiesen, die an ihren einstmaligen Ziehvater Helmut Kohl erinnern.

Wieder einmal zeigt sich, daß zum Siegen-können auch die Fähigkeit zur Demut an der richtigen Stelle gehört: hätte Angela Merkel, wie sie es wohl zeitweilig erwogen hat, im Januar, als Edmund Stoiber mit seinen Ambitionen ernst machte, auf eine Kampfkandidatur ankommen lassen, wäre ihr unvermeidlicher politischer Abstieg, womöglich über ein paar Zwischenstationen, fast unvermeidbar gewesen. Man hätte sie für alles verantwortlich gemacht, für die Wahlniederlage der CDU, für die Beschädigung Stoibers, der natürlich trotzdem gegen sie gewonnen hätte. Da wäre der Weg zur Leiterin der Stadtbibliothek Fürstenwalde kaum vermeidbar gewesen. Doch alle diese Klippen hat Angela Merkel umschifft; so sehr, daß sich bereits jetzt der CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, Michael Glos, genötigt sah, der Presse zu erklären, daß eine Kanzlerkandidatur Angela Merkels im Jahre 2006 keinesfalls automatisch sei.

Doch keine Frage: Gelingt es Stoiber nicht, wie großspurig angekündigt, Schröder in absehbarer Zeit, etwa mit Hilfe des Bundesrates, aus dem Amt zu hieven, dann geht, spätestens im Vorfeld der nächsten bayrischen Landtagswahl, seine Zeit zu Ende. Einen Ministerpräsidenten-Kanidaten in Bayern, der eigentlich lieber Bundeskanzler werden möchte, kann sich selbst die CSU in Bayern nicht leisten. Angela Merkel hat auch gleich tabula rasa gemacht, und den widerstrebenden Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz, dem man zum Dank allerlei gute Worte, die allerdings wie Hohn wirkten, nachgeworfen hat, sauber abserviert. Natürlich wegen eigener Machtambitionen, sondern um die CDU/CSU aus einer Hand führen zu können. Was blieb Merz übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Zum Freund wird er der Merkel dabei nicht geworden sein. Doch das ist eben Politikerschicksal.

So kann Angela Merkel zum Jahresende 2002 alle Vorteile einheimsen, die die CDU derzeit zu vergeben hat. Sie hat sich zweifellos durch ihren Verzicht um die Chancen Stoibers verdient gemacht und dann auch brav im Wahlkampf gekämpft, so daß jeder Vorwurf der Illoyalität an ihr abprallt, sie ist nun die Oppositionsführerin einer zweifellos gestärkten CDU/CSU-Fraktion. Sie kann in Ruhe darauf warten, daß Stoiber, der auch nicht mehr der jüngste ist, in München versauert und sich als wahrere Gegenpol zu Schröder empfehlen. Weitere Kanzlerambitionen der CSU sind auch erstmal abgewehrt Friedrich Merz hat seinen ersten Karriereknick erlitten und ist zur Loyalität verdammt. Und wer aus den Reihen der CDU könnte ihr bis 2006 den Rang streitig machen? Roland Koch? Wulff aus Niedersachsen? Das durch den Generationswechsel weit abgeräumte Feld der CDU-Kader hat keinen Shooting-Star mehr hervorgebracht.

Möglich. daß Angela Merkel sehr viel von ihrem Vorbild Kohl gelernt hat. Vor allem, nichts zu vergessen, nie aufzugeben und Treue zu belohnen. Aber die Eigenschaft, sich rechtzeitig zu ducken, nie durch eigene Positionen unangenehm aufzufallen und dann, wenn die Sachfragen entschieden sind, aus dem Schatten zu treten, hat sie schon zu DDR-Zeiten ausgezeichnet.

Die 1954 als Angela Kasner geborene Angela Merkel hat - obwohl aus christlichem Elternhaus - auch die DDR unangefochten überstanden, ohne in ihren Karriereambitionen Schaden zu nehmen. Nach ihrer FDJ-Tätigkeit absolvierte sie ein Studium der Physik in Leipzig. Sie arbeitete von 1978 bis 1990 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Physikalische Chemie an der Akademie der Wissenschaften in Berlin (DDR) und promovierte 1986 zum Doktor rer. nat. Merkel räumt selber ein, daß sie - wäre die DDR nicht den Weg alles Irdischen gegangen - eine ganz "normale, durchschnittliche" Ostbiographie gehabt hätte. Den Sprung in die Politik machte sie - wen wundert´s - 1989, als sie Ende des Jahres dem "Demokratischen Aufbruch" beitrat. Da stand sie unter den Fittichen des einschlägig bekannten Wolfgang Schnur. Der sorgte dafür, daß sie in die Volkskammer kam und ein gewisser Günther Krause half dann mit, daß sie gleich in der Regierung de Maiziere zur Regierungssprecherin wurde. Lothar de Maiziere und Günther Krause sind längst vergessen wie so manche Größen des Umschwungs. Oder erinnert sich noch jemand an "Ibrahim Böhme" oder den Pfarrer Ebeling, erster Vorsitzender eine Partei namens DSU? Lassen wir das.

Angela Merkel wurde von Helmut Kohl, der eine unbelastete CDU-Frau aus dem Osten brauchte, zur Ministerin für Jugend, Frauen und Familie befördert. Sie entging, der Falle, hier zur "Fachfrau" zu werden, ein Tatbestand, der sie festgenagelt hätte, allein schon durch den glücklichen Umstand, daß sie - abgesehen von der Tatsache, daß es sich bei ihr unzweifelhaft um eine Frau handelte - von der Materie nichts verstand und sich auch nicht dafür interessierte. So konnte sie, ohne dumm aufzufallen, 1994 ins Umweltressort überwechseln und da sie auch hier keine Ahnung hatte war sie als "Generalistin" geboren. Schäuble machte sie zur Generalsekretärin. Zuvor hatte sie die einzige Fähigkeit bewiesen, die sie wirklich auszeichnete: nämlich rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu erkennen und ihre bisherigen Beschützer fallenzulassen. Dies geschah nun, wie vorher der SED, dem Übervater Helmut Kohl, der ihr das aber nicht übelnahm, erkannte er sich doch in diesem Verhalten selbst wieder. Als auch Schäuble geschaßt wurde, war Merkel da. Sie ist immer noch da. Das "Mädel" hat noch viel vor: Wir werden Angela Merkel bald wiedersehen.

  • Autor: © Charly Kneffel, Berlin
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 21.01.2003