Konterrevolutionär aus Überzeugung
Vor 100 Jahren wurde Ernst von Salomon geboren
Das ist eine Biographie, die so gar nicht mehr in unsere Zeit passen will: Ernst von Salomon, Konterrervolutionär aus Überzeugung, wurde am 25. September 1902 geboren, am 9. August 1972 starb er. Nicht alt geworden, aber in diesem Leben hat er mehr erlebt, aber auch aktiv angestellt, als andere dies in drei - längeren - Leben könnten. Als er 1972 starb, war Ernst von Salomon durchaus mit sich im Reinen, was nicht ganz selbstverständlich ist, denn er hat in seinem Leben auch gravierende Dinge getan - die er später selber bedauerte - über die man nicht einfach hinwegkommt. Doch trotz aller Brüche hatte er eine geradlinige Biographie. Ein Paradoxon? Vielleicht.
Daß er später Politik auf der rechten Seite des politischen Spektrums machen würde, war ihm sozusagen angeboren: er kam - wie er selbst sagt, eher zufällig - in Kiel als Sohn eines preußischen Offiziers auf die Welt. Die Familie, aus dem Elsaß und dem Rheinland stammend, gehörte zur preußischen Elite und verstand sich auch so. So kam er schon früh in den Genuß einer Erziehung nach den "preußischen Tugenden", auch wenn er, wie er selbstkritisch später einräumen mußte, den Niedergang und die Verderbtheit des preußischen Staates und Wilhelm II nicht bemerkt hat. Allerdings war er da auch noch sehr jung. Ab 1913 war der angehende Angehörige der preußischen Elite Schüler auf der Kadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde. Der weitere Weg schien vorgezeichnet und den Ausbruch des Krieges begrüßte man im Hause von Salomon enthusiastisch. Doch dieser entwickelte sich nicht so, wie der junge Mann sich das gedacht hatte und für seine Keckheit, noch im November 1918 in Kadettenuniform vor der Schule spazieren zugehen, bezog er als 16jähriger gleich eine ordentliche Tracht Prügel, die ihm revolutionäre Matrosen verabreichten. Vielleicht war das angesichts seines Alters keine gute, wenn auch allzu verständliche, Idee, denn sie versteifte Salomons konterrevolutionären Enthusiasmus. In der Weimarer Republik war der königstreue Überzeugungstäter fremd. Es muß ihn gewurmt haben, daß er für den aktiven Kriegseinsatz noch zu jung gewesen war, so holte er jetzt alles nach, was möglich war. 1918 meldete er sich zu den Freikorps und kämpfte ab 1919 im Baltikum gegen die Bolschewiki. Doch für die weiße Garde, als die sich diese Truppen in Anlehnung an die Französische Revolution verstanden, war das trotz einiger blutiger Siege gegen die chancenlose deutsche Revolution 1919 keine gute Zeit. Die Freikorps mußten abziehen, die deutsche Vorherrschaft im Baltikum war dahin, wenn auch die drei baltischen Staaten bis 1940 zunächst ihre Unabhängigkeit gegenüber Rußland bzw. der Sowjetunion behaupten konnten.
Ernst von Salomon tat sich in Deutschland um und gehörte zu jener berüchtigten "Organisation Konsul", die schließlich 1922 den Reichsaußenminister Walter Rathenau in seinem Wagen erschoß. Salomon stand dabei Schmiere. Einen antisemitischen Hintergrund hat er dabei immer bestritten, man sah in Rathenau eben "nur" den Novemberverbrecher. Das machte die Sache nicht besser. Doch als antisemitisch - und zwar bejahend - wurde die Mordtat in den einschlägigen Kreisen der Öffentlichkeit wahrgenommen.
Salomon wurde nach reichsweiter Fahndung geschnappt und mußte für fünf Jahre brummen. 1927 erfolgte eine weitere Verurteilung wegen eines Fememords. Diesmal nur zu eineinhalb Jahren, die er auch nur für ein halbes Jahr absitzen mußte, da seine Gesundheit bereits angegriffen war. Doch in der Haft hatte Salomon auch viel zeit zum Nachdenken. Er begann, die Ermordung Rathenaus anders zu sehen und sagte das auch. Das ehrt seinen Charakter, führte aber auch dazu, daß der Kreis der Gesinnungsfreunde, auf die er sich verlassen konnte, Zug um Zug immer kleiner wurde.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Salomon bereits seine zweite Passion entdeckt: er wurde Schriftsteller. Ein Schriftsteller, der allerdings hauptsächlich über sich selbst schrieb und damit, mehr als es reine Fiktion gekonnt hätte, sehr viel über die Zeit und die Geistesströmungen dieser tragischen Zeit aussagte. "Die Geächteten", ein Roman, der seinen Weg vom Kadetten zum Freikorpskämpfer zum Thema macht, erschien 1930. Zu diesem Zeitpunkt propagierte er - darin Niekisch vergleichbar - die "preußischen Werte", die er dem römisch-katholischen Pfaffengraben entgegenhielt. Preußentum, das war Pflichterfüllung, Bescheidenheit, Dienst an Staat, Volk und Herrscher. Damit wurde er zum Don Quichotte, aber entweder merkte er es nicht oder er gefiel sich auch in der Rolle als letzter Anhänger des preußischen Ideals, das immer eine Affinität zu Untergang und Tod hatte. In der Nazizeit hätte er wohl die Chance gehabt, Karriere zu machen. Die Nazis warben für seine Bücher und umwarben ihn. Doch daß er seine Beteiligung an der Ermordung Rathenaus mittlerweile öffentlich bedauerte, "bedauerten" sie ihrerseits. Für die Ermordung eines "jüdischen Novemberverbrechers" hätte er große Ehrungen einsammeln können. Doch er verweigerte sich. Dennoch blieb er durch seine Vergangenheit geschützt und konnte sich als Autor von Drehbüchern mit meistens recht unpolitischen Stoffen durchschlagen. Seinen ehrbaren Charakter bescheinigte ihm selbst der "Naziexperte" der Alliierten, der ihn zutreffend als "zu menschlich für die Nazis" einschätzte. Auf der Liste der belasteten stand Salomon dennoch und geriet 1945/46 in ein amerikanisches Internierungslager. Hier wurde er auch "entnazifiziert". Und mußte den berühmt-berüchtigten "Fragebogen" ausfüllen. Doch was von den meisten anderen als entweder lästige oder gefährliche Aufgabe bewältigt wurde, nutzte Salomon zu einem Roman. "Der Fragebogen" erschien 1951 und wurde ein Bestseller und ein literarisches Meisterstück allererster Art.
Es folgten weitere literarische Arbeiten, Drehbücher, Romane, Berichte. Von der Kritik zumindest formal hochgelobt, paßte Salomon doch immer weniger in diese Zeit, die - salopp gesagt - von der Politik die Schnauze voll hatte. So wurde es ruhig um Ernst von Salomon, der sich zwar noch engagierte, u.a. gegen die Atombewaffnung, aber immer weniger Echo fand.
Ein enger Kreis von Freunden blieb ihm aber erhalten, zu dem wundersame Gefährten gehörten, wie z.B. der nationale Kommunist Richard Scheringer, 1931 mit großem Tamtam von der NSDAP zur KPD übergetreten, der er immer - mit einigen Schwankungen - treu blieb. Scheringer starb erst 1986, immer noch Mitglied des Parteivorstands der DKP. Andere, wie Hanns Ludin, der als Diplomat und "Ratgeber" in Tisos Slowakei gearbeitet hatte, endeten am Strang.
Ernst von Salomon war ein Mann von untadeligem Charakter. Zu seinen preußischen Tugenden zählte auch die Ritterlichkeit. Die lies ihn weite Bögen überspannen. Rechts blieb er zeitlebens. Und also unser Feind, aber: voila un homme.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 21.01.2003
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