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im Roten Salon


Brennt Paris?

Zum Tode von 'Colonel Rol', dem legendären Führer der Pariser Resistance

Henri Tanguy ist tot. Wie erst jetzt bekannt wurde, starb der große alte Mann der französischen Resistance bereits in der Nacht vom 8. auf den 9. September in Paris. Tanguy wurde 94 Jahre alt, zum Schluß hatte er sich selbst überlebt, ragte jedoch noch immer mit seiner Riesengestalt in die Welt der heute Lebenden hinein. Besser bekannt wurde Tanguy unter seinem letzten Resistance "Nom de Guerre" "Colonel Rol". Der Name bleib so an ihm haften, daß er nur noch mit Colonel Rol-Tanguy angesprochen wurde. Als solcher trat er auch vor etwa 10 Jahren auf eine Arte-Sendung - moderiert von Max Gallo - über die Befreiung von Paris auf.

Henri Tanguy wurde in eine bretonische Familie von Seeleuten hineingeboren im Jahre 1908. Er arbeite schon früh bei Renault und trat schon im Alter von 15 Jahren in die kommunistische Jugend ein. Gemaßregelt zog er sich eine Zeitlang von der Politik zurück und versuchte mit einer Sportlerkarriere als Radfahrer zu reüssieren, doch der Militärdienst unterbrach seine hoffnungsvollen Ansätze. Doch ganz von der Politik konnte er nie lassen, aber es waren die äußeren Ereignisse im krisengeschüttelten Frankreich der frühen 30er Jahre, die ihn wieder zu einem "militanten" (wie man das in Frankreich eben so nennt, wenn jemand aktiver Kader ist) Kommunisten machten, genauer das Aufkommen des Faschismus als Massenströmung, der nach 1922 nun auch in Deutschland zur Macht gelangt war und zeitweilig auch in Frankreich über eine Massenbasis verfügte, an die man sich bis vor kurzem in Frankreich nur äußerst ungern zurückerinnerte. Ein wichtiges Datum war der berühmte 4. Februar 1934, jener Tag, als es für Stunden so aussah, als würden die faschistischen "Ligen", die einen Korruptionsskandal ausgenutzt hatten, die Macht in Paris übernehmen können. Möglicherweise hätten sie es können, die Frage wäre allerdings gewesen, ob sie sie dann hätten behaupten können. Doch dazu kam es nicht. Aus noch heute umstrittenen Gründen gaben die Führer der Ligen nie den Befehl, die Macht, die auf der Straße lag, aufzuheben. Vielleicht waren sie selbst überrascht, vielleicht konnten sich die diversen Führer-Anwärter auch nicht auf einen Chef einigen. Wie dem auch sei, am 12. Februar gehörten die Straßen von Paris wieder der Linken, vor allem den Kommunisten, Henri Tanguy war dabei. Die Erfahrung hatte ihn sensibilisiert und so war er einer der Organisatoren der Solidaritätskampagne für das von den Nationalisten bedrohte republikanische Spanien einige Jahre später. Tanguy ging dann auch bald selbst als Freiwilliger zu den Internationalen Brigaden. 1938 wurde er politischer Kommissar der 14 Brigade (la Marseillaise) Er kämpfte am Ebro und war auch bei den letzten Kämpfen der Brigade dabei, bevor diese im September 1938 zurückgezogen wurde. In Frankreich bekam er sofort wieder eine Funktion bei der Metallarbeitergewerkschaft.

Der Krieg 1939 beendete diese kurze friedliche Phase. Im August 1939 wurde er zur Armee eingezogen und kämpfte bis zum Waffenstillstand, den Marschall Petain im Juni 1940 anbot. Tanguy - wie er zu diesem Zeitpunkt immer noch genannt wurde - flüchtete nach Paris, ohne seine offizielle Demobilisierung abzuwarten. Er tauchte einige Zeit unter und wurde erst wiederbekannt, als er ab August 1941, wenige Wochen nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion, zum Führungskern der im Raume Paris operierenden bewaffneten Gruppen gehörte, aus denen die Francs- tireurs et partisans (FTP) , eine noch lokal organisierte halbkommunistische Widerstandsorganisation, wurde. Immer war die zu diesem Zeitpunkt noch äußerst kollaborationswillige französische Polizei ihm auf den Versen. 1943 entstanden aus den lokalen Organisationen die Forces Francaises de Interieur (Französische Streitkräfte des Inneren), wo Tanguy Major wurde. Kurze Zeit später wurde er "Colonel Chef" (soviel wie Generaloberst) der FFI für die Ile de France (den Großraum Paris und Umgebung). Als solcher leitete er ab 6. Juni 1944 - dem Tag der Invasion - den militärischen Flügel der Resistance in Paris. Für diese Aktion bekam er seinen Decknamen "Colonel Rol".

Als die Resistance am 10. August mit dem Kampf in Paris begann - es gab zwischenzeitlich einen Waffenstillstand in Paris und erst am 19. August begann der "allgemeine Aufstand" - war Colonel Rol ihr Leiter. In wenigen Tagen wurde die durch die Normandiekämpfe arg ausgedünnte deutsche Garnison auf einige feste Plätze in Paris zurückgedrängt, Geheimverhandlungen mit dem deutschen Kommandanten Dietrich von Choltitz begannen, der sich auf einen "formalen Ehrenwiderstand" zurückzog. (Einige deutsche Einheiten - vor allem eine deutsche "fanatisierte" SS-Einheit machten das allerdings nicht mit und versuchten Hitlers Befehl, Paris in Schutt und Asche zu setzen, wörtlich umzusetzen.) Dennoch hatte Rol die Stadt Paris etwa um den 22. August fast vollständig in seiner Hand. Zu diesem Zeitpunkt ging der Kampf aber schon nicht mehr nur allein gegen die deutsche Besatzungsmacht, die sich in fluchtartigem Rückzug befand, sondern auch schon zu einem erheblichen Teil um die Frage, was für ein Frankreich es sein sollte, das da nach dem Kriege entstand. Dabei gab es sozusagen zwei Frontlinien. Zum einen die Frage, wer nun Frankreich eigentlich befreit hatte: die Alliierten oder die Franzosen selbst. Und zweitens die Frage, welche Franzosen. Schon am Abend des 24. August drang eine eilends vorgeworfene Division des Generals Leclerc nach Paris, wo sie in eine größtenteils befreite Stadt einzog. General de Gaulle persönlich hielt am 25. eine berühmte Ansprache in Paris und nahm an der Spitze einer nach Hunderttausenden zählenden Demonstration durch Paris teil, wo ihn allerdings die "Milice francaise" beinahe erwischt hätte. Colonel Rol durfte an dieser Demonstration teilnehmen, allerdings hatte eine kluge Regie es so eingerichtet, daß er weit hinten zu gehen kam, wo er auf den offiziellen Streifen der französischen Wochenschau niemals zu entdecken war (oder hatte man nachgeholfen?) De Gaulle stand seinem Widersacher Jacques Duclos in Nichts nach, der kurz zuvor getönt hatte (Zitat sinngemäß) "Wir lassen den General auf einem weißen Pferd die Champs Elysees herunterreiten. Derweil übernehmen wir die Macht." Doch daraus wurde nichts.

Colonel Rol, wie er jetzt allgemein genannt wurde, bekleidete danach noch einige wichtige Staatsfunktionen, unter anderem war er eine Zeit lang Stadtkommandant von Koblenz. Nach dem Rückzug der kommunistischen Minister 1947 schob man ihn auf unbedeutende Posten ab. Eine seinen Fähigkeiten entsprechende politische Karriere machte er nie - eben aus politischen Gründen. Aber auch in den Führungszirkel des PCF drang er nie allzu weit vor. Immerhin war er von 1964 bis 1987 Mitglied des Zentralkomitees, doch eine politische Rolle spielte er nicht.

Als er starb, würdigten ihn alle: der PCF ebenso wie Staatspräsident Jacques Chirac. Er nannte ihn einen "großen französischen Patrioten". Das war er - und so gehört der Mann, der einst ein anderes Frankreich wollte, heute zum Pantheon der französischen Republik.

  • Autor: © Charly Kneffel, Berlin
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 21.01.2003