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im Roten Salon


Pitcairn

Oder: Die Nachfahren der Meuterer

Die Pitcairn-Inseln sind wahrscheinlich die kleinste Verwaltungseinheit (abgesehen vom Vatikanstaat) der Welt. Formell immer noch der britischen Krone zugehörig, genießt die aus drei Inseln bestehende Gruppe weit abgelegen im Südwest-Pazifik völlige innere Autonomie. Das Völkchen, das dort lebt, ist auch eines von der sonderbaren Art: nahezu ausnahmslos handelt es sich um Nachfahren eines Teils jener Matrosen und Offiziere, die ausgerechnet im Jahr der Großen Revolution in Frankreich, 1789, ihre eigene kleine Revolution anstellten: die durch Robert L. Stevenson auch literarisch (und mehrfach verfilmte) berühmt gewordene Meuterei auf der Bounty und ihrer tahitianischen Frauen.

Heute sind es noch knapp 50 Menschen, die ständig auf Pitcairn leben bzw. nur kurz, etwa zur Ausbildung, die Hauptinsel (die beiden übrigen Inseln sind unbewohnt) verlassen haben. Einige davon haben nichts mit der Geschichte der Bounty zu tun. Es handelt sich dabei um "Non-Islanders", Personen, die zeitweise auf die Insel geschickt wurden, etwa als Lehrer, oder auch um ernsthafte Aussteiger, darunter ein deutsches Ehepaar. Zur Zeit sind es genau 47 Personen, die in der amtlichen Statistik erfaßt werden.

Doch nicht alle Nachkommen der Meuterertruppe leben noch auf Pitcairn oder irgendwo in der Diaspora. Zweimal hatte die britische Regierung versucht, die Bevölkerung umzusiedeln. Schon 1831 wurden alle Nachfahren nach Tahiti gebracht , angeblich weil die Insel zu klein sei, die Menschen zu ernähren, aber doch auch gegen den Willen der Leute, deren Status, immerhin galten ihre Vorfahren - und deren letzter, der Meuterer John Adams, war erst 1829 gestorben - in England als Hochverräter. Auf Meuterei stand in Großbritannien so gut wie immer die Todesstrafe. Doch schon im gleichen Jahr setzten die Pitcairner ihre Repatriierung nach Pitcairn durch, nachdem auf Tahiti in wenigen Wochen 14 Umsiedler ums Leben gekommen waren. 1856 fand die zweite Evakuierung statt: diesmal ging die Reise auf die Norfolk-Inseln , sehr viel weiter westlich in der Nähe von Neuseeland. Abermals hielt das nicht lange vor. Die meisten der Neuankömmlinge hielten es nur gut zwei Jahre auf Norfolk durch, dann kehrten sie nach Pitcairn zurück. Allerdings leben noch heute eine Reihe von Bounty-Nachfahren dort, inzwischen weit mehr als auf Pitcairn selbst, da von dort, aufgrund der Abgelegenheit und der Größe der Insel, immer wieder Leute wegziehen (müssen).

Pitcairn-Island bezeichnet sich heute mit etwas kühnem Stolz als die einzige staatsförmige Gemeinschaft, deren gesamte Einwohnerzahl auf einer einzigen Website vorgestellt werden kann. (www.lareau.org/pitcres.html). Dort sind sie also verzeichnet, natürlich generell mit Vor- oder Spitznamen, den offiziellen Namen nur klein angefügt. Das genügt hier natürlich. Witzigerweise leistet sich die Insel, die nur 5km groß ist, eine richtige Hauptstadt (Adamstown) und hat sogar eine Art Kreuzung, wo sich die einzige gepflasterte und eine Nebenstraße treffen. Andere Orte als Adamstown gibt es allerdings nicht. Die anderen Bewohner leben in Einzelhäusern oder auch zwei beieinander. Immerhin: man hat eine (einklassige) Schule (mit einem auswärtigen Lehrer) und einen Sportplatz.

Allerdings ist die Lage doch etwas einsam, denn es ist nicht leicht, Pitcairn-Island zu besuchen. Genauer: dies ist nur mit den einheimischen Longboats möglich. Größere Schiffe müssen draußen auf See ankern, Materialien, die die Pitcairner eintauschen, müssen über diese an Land gebracht werden, so verlassen auch die Menschen die Insel, insbesondere wenn eine weitere schulische Ausbildung dies erfordert und so kommen auch die Touristen an Land, die aber in der Regel nur kurz - meist einen Tag - bleiben, oder eben auch recht lange, denn der Schiffsverkehr erfolgt nur sporadisch, wenn Versorgung oder Reisewünsche dies erforderlich machen. So kommen auch die einzigen nennenswerten Einnahmen zustande, die die Insulaner haben: sie hängen ausnahmslos mit dem Tourismus zusammen bzw. mit der Souvenir"industrie". Zweckmäßigerweise haben sich die Pitcairner auch das Recht zur Briefmarkenherstellung zusichern lassen und Briefmarken aus Pitcairn sind ein beliebtes Sammlerstück.

Die Menschen sprechen neben dem offiziellen Englisch, das als Amtssprache in der Schule unterrichtet wird und für den Außenverkehr wichtig ist, Pitcairnese, eine Mischsprache, die aus dem veralteten Englisch aus der Zeit der Bounty (1790-1830) hervorgegangen ist und von zahlreichen Lehnworten aus Tahiti durchsetzt ist. Unter den Nachnamen überwiegen die Namen der Meuterer: Christian vor allem, aber auch Adams, Brown, Warren und Young.

Und auch von der Bounty, die Fletcher Christian im Januar 1790 verbrennen ließ, hat man Überreste, darunter den Anker, wiedergefunden: 1957, als eine Expedition auf Pitcairn forschte.

Also: besuchen Sie Pitcairn oder siedeln Sie dahin. Die Inzucht macht es wünschbar: nur etwas handwerkliches Geschick sollten Sie mitbringen, es gibt dort keine Supermärkte. Und abgesehen vom Pastor und dem Lehrer sowie der Krankenschwester nur Tourismus, Handwerk und etwas Landwirtschaft (inclusive Ziegen). Außerdem noch die mittlerweile original Pitcairn Bienen, die eine deutsche Aussiedlerfamilie vor Jahren dorthin einführte. Deshalb darf man nach Pitcairn auch keinen Honig mitbringen.

  • Autor: © Charly Kneffel, Berlin
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 21.01.2003