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im Roten Salon


Des Führers liebste Nazisse

Leni Riefenstahl wird 100

Es gibt diesen Typus: die emanzipierte Nazi-Frau. Oft eine Künstlerin, manchmal eine Sportlerin, seltener eine Wissenschaftlerin. Eigentlich sollte man ja meinen, die Nazi-Ideologie ließe diesen Frauentypus nicht zu, doch weit getäuscht: Wie es Hitler fertig brachte, Großfamilien mit vielen Kindern zu propagieren, selbst aber (bis fast zum Schluß) unverheiratet und kinderlos blieb, so gab es in seinem Weltbild auch immer Platz für einen pseudoemanzipierten Frauentyp, der eigentlich nicht dazu zu passen schien, andererseits aber eben doch propagiert wurde.

Beate Uhse war eine der Frauen, die dazu gehörten, Hanna Reitsch eine andere, Winifred Wagner, immerhin Herrin auf Wahnfried, paßte schon eher ins Klischee. Doch hier ist von Leni Riefenstahl die Rede: Schauspielerin, Regisseurin, Autorin, Fotografin, Taucherin und was noch alles mehr.

Die 1902 geborene Riefenstahl war schon früh künstlerisch aktiv. Sie hatte Malerei studiert, ihre ersten wirklichen Lorbeeren errang sie aber als Tänzerin, wo sie der große Max Reinhardt schon 1920 an´s Deutsche Theater in Berlin holte. Allerdings wurde nicht viel aus der Karriere als Tänzerin, trotz der unzweifelhaften Begabung der Riefenstahl. Eine Knieverletzung, eine der zahlreichen Blessuren, die sich die unverwüstliche Frau während ihres langen Lebens zuzog, beendete immerhin diesen Traum. Vielleicht aber zu ihrem Glück, denn von nun an würde die Welt des Films und der Fotografie zu ihrem Leben gehören. Zuerst wurde die junge, bildhübsche Darstellerin - noch tief in der Stummfilmära - zum Star des Kinos: Zuerst als Partnerin des Südtirolers Luis Trenker, dem sie in "Der Heilige Berg" (1926) und "Der Große Sprung" (1927) assistierte. Was dann folgte, waren - wie es manchmal so ist bei jungen Schauspielern - Spitzenfilme gemischt mit Produkten, die man besser vergißt. Ihr selbsterklärter Lieblingsfilm war der in den 30er Jahren nachvertonte Streifen "Die weiße Hölle vom Piz Palü" (1929). Einen neuen Filmpartner, der ihr auch neue Türen öffnete, trat dann 1930 in ihr Leben: Ernst Udet, erfolgreicher Jagdflieger des 1. Weltkriegs, jetzt zeitweilig aus Deutschland ausgewandert, da die Bestimmungen des Versailler Vertrages einem Menschen wie ihm, der sein Leben ganz der Fliegerei gewidmet hatte, wenig Raum ließen. Immerhin: einen gab es, der schon früh ein wachsames Auge auf Udet gelegt hatte: Adolf Hitler (und dessen Adlatus Hermann Göring natürlich) und so fand die Riefenstahl nun ein neues Umfeld, das ihr manche Möglichkeiten bot, ihr Talent auszuleben und ihren Ehrgeiz zu befriedigen.

Ernst Udet, später Sonderbeauftragter für die deutsche Luftfahrt, war auch ihr Filmpartner in "SOS Eisberg". Aber wirklich berühmt wurde Leni Riefenstahl dann durch ihre selbstinszenierten Filme ab 1933.

"Sieg des Glaubens", 1933 gedreht über den Reichsparteitag der NSDAP, mit der die Riefenstahl, die in der Tat nie Mitglied war, nie etwas zu tun gehabt haben will, wurde mehrfach von der Nazi-Regierung ausgezeichnet, verschwand dann aber auf Nimmerwiedersehen, da neben dem großen Star Hitler noch ein zweiter, sich selbst sehr wichtig dünkender Star, auftrat: der Stabschef der SA Ernst Röhm. Der verschwand am 30. Juni 1934 aus den bekannten Gründen von der Bildfläche, mit ihm verschwand dann "Sieg des Glaubens", da der zweite Führer neben dem ersten nun doch etwas störte. Leni Riefenstahl mußte also noch ein zweites Mal ran und drehte 1934 "Triumph des Willens". Abermals über einen Reichsparteitag der NSDAP. Dieser Film hatte nur einen Star, der sich bis 1945 hielt und daher fortlaufend gezeigt werden konnte. Leni Riefenstahl hält diesen Film noch heute nicht - wie offiziell behauptet - für "Nazi-Propanganda" sondern für reine Kunst. Dafür hat sie immerhin auch Belege: 1935 wurde der Film in Venedig (in dem allerdings ein geistesverwandtes Regime herrschte) mit einer Goldmedaille ausgezeichnet, 1937 geschah desgleichen bei der Weltausstellung in Paris (übrigens wurde dieser Film - Mick Jaggers Lieblingsfilm - noch 1956 in den USA ganz offiziell zu "einem der zehn besten Filme der Weltgeschichte" gewählt); auch das Internationale Olympische Komitee ließ es sich nicht nehmen, den Film noch 1939 mit dem "Olympischen Diplom" zu ehren.

Doch "Triumph des Willens" sollte natürlich auch zu dem Film werden, der der Riefenstahl nach 1945 einen Karriereknick bescherte, aus dem sie nur langsam, zunächst anonym wieder - und nun nie mehr unumstritten - auftauchen konnte. Und noch ein durchschlagender Erfolg gelang Lenie Riefenstahl in den 30ern: ihr Olympia-Film, strenggenommen ja eigentlich zwei Filme. Olympia; Teil 1: Fest der Völker" und Teil 2: "Fest der Schönheit". Da war es auch: Leni Riefenstahls eigentliches Thema - der menschliche Körper, gerne nackt, durchtrainiert oder anmutig, ein Kult der Schönheit. Das muß Hitler sehr gefallen haben, der genau diese Ästhetik, sozusagen als Antithese des faschistischen Schmutzes, liebte.

Erst 1954 wurde ein anderer Film erstmals gezeigt, der ähnlich wie "Triumph des Willens" dazu beitragen sollte, Leni Riefenstahl ins Zwielicht zu rücken: Tiefland. Der nach einer italienischen Oper ab 1940, aber erst kurz vor Kriegsende fertiggestellte Film brachte ihr noch vor Wochen eine Klage der deutschen Sinti und Roma ein. Als Statisten waren nämlich sogenannte Zigeuner zwangsverpflichtet worden, die zu diesem Zeitpunkt (1940ff) bereits ärgsten Verfolgungen ausgesetzt waren, von denen die Tatsache, daß sie während der Dreharbeiten in einem Lager untergebracht wurden und selbstverständlich auch keinen "Statistenlohn" erhielten, noch die geringsten waren. Riefenstahls Behauptung, sie habe alle "Zigeuner nach dem Krieg wohlbehalten wiedergesehen" war wohl dreist. Leni Riefenstahl mußte mittlerweile eine Unterlassungserklärung unterschreiben, der Prozeß geht aber in der Hauptsache weiter.

Auch in den 50er Jahren war Leni Riefenstahl aktiv. Jetzt mußte sie es aber erleben, daß ihr Name in den Abspannen der Filme nicht genannt wurde. Niemand könnte sich mehr mit der Riefenstahl schmücken, ihr Talent benutzen aber wollten viele und insgeheim sahen es wohl auch die meisten Deutschen (und nicht nur die) nicht so eng. Ein sensationelles ComeBack feierte die Riefenstahl in den 70er Jahren, als ihr Prachtfotographien über die südsudanesischen Nuba gelangen, Bilder, die sie im Stern, in Paris Match, The Sun, Newsweek etc. veröffentlichen konnte. Die Bilder zeigten das, was Leni Riefenstahl immer am liebsten zeigten: nackte menschliche Körper. Schöne Körper, ihre Nuba-Bilder waren ein Prachtwerk männlicher Erotik. Da hatte sich nichts gegenüber den Olympia-Filmen geändert.

Noch in ihren 70ern machte Leni Riefenstahl, jetzt als emanzipierte Frau gefeiert von der feministischen Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer, eine Taucherausbildung und lieferte kurz danach Bildbände über Korallen und "Wunder unter Wasser" ab. Bei einem aus politischen Gründen abgebrochenen Besuch bei "ihren" Nuba im Jahre 2000 stürzte die mittlerweile 98jährige mit einem Hubschrauber ab, erholte sich aber bald wieder.

Im Unterschied zu anderen blieb Leni Riefenstahl nach 1945 immer ein Politikum. Daran mag auch der Umstand, daß sie eine Frau ist, schuld sein. Aber auch natürlich ihre enge Verbindung zur NSDAP allein durch die Filme über die Reichsparteitage. Leni Riefenstahl hat immer bestritten, eine Nazisse gewesen zu sein. Doch sie wird dieses Image wohl mit ins Grab nehmen. Unschuldig ist sie daran nicht. Ihre Ästhetik war - immer - wie die Brekers, Thoraks und all der anderen, freundlich formuliert, sehr faschismuskompatibel. Faschistisch war sie nicht. Eine Nazisse war Leni Riefenstahl nicht, wohl aber eine Künstlerin, die Bleibendes hinterlassen hat, und eine Opportunistin. Das bleibt.

  • Autor: © Charly Kneffel, Berlin
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 21.01.2003