Che Guevara in Reverse
Südamerika gleicht einem Pulverfaß
Es ist mittlerweile fast 40 Jahre her, seit der argentinisch-kubanische Revolutionär Che Guevara die Parole ausgab: schafft zwei, drei, viele Vietnams. Dies war als Versuch anzusehen, die Ausgebeuteten dieser Welt zum Aufstand zu bewegen und um die führende kapitalistische Großmacht USA überall in der Welt in verlustreiche Kämpfe zu verwickeln, die sie nicht gewinnen kann. Deshalb war er u.a. auch im Kongo, wo er mit Laurent Kabila zusammenarbeitete, dem Vater des heutigen kongolesischen Präsidenten. Che Guevara gilt heute als widerlegt, aber man wird das Gefühl nicht los, daß er zumindest im kollektiven Gedächtnis des US-Imperialismus, aber wohl auch im kollektiven Gedächtnis der herrschenden Oligarchien in Lateinamerika mehr Eindruck gemacht hat, als man gemeinhin glaubt.
Die älteste noch aktive Guerilla in Lateinamerika ist die FARC, die angeblich noch ca. 15.000 Bewaffnete in ihren Reihen haben soll und zumindest teilweise einen beträchtlichen Teil kolumbianischen Territoriums als "befreites Gebiet" kontrolliert. Der Amtsvorgänger des jetzigen Präsidenten, Pastrana, hatte die FARC sogar als offizieller Verhandlungspartner anerkannt. Inwieweit das freilich eine längerfristige Perspektive gewesen wäre, muß als zweifelhaft gelten, denn längst sind lateinamerikanische Angelegenheiten eben keine lateinamerikanischen Angelegenheiten mehr, sondern eine Sache der "freien Welt", als deren ideeller Gesamtinteressenvertreter der US-Imperialismus sich anmaßt aufzutreten. Aber auch die herrschenden Eliten wie die von ihnen ausgehaltenen Paramilitärs wären auf Dauer kaum bereit gewesen, diesen Zustand zu tolerieren.
Doch davon ist jetzt ohnehin keine Rede mehr. Was jetzt noch an Friedensangeboten seitens des neuen Präsidenten Uribe abgelassen wird, ist desinformierende Rhetorik. Im Wahlkampf hatte er schon deutlicher Klartext gesprochen. Die politische Propaganda läuft auf Hochtouren: die FARC gilt bei den USA als "Terrororganisation", auch in der Bundesrepublik wird sie so eingestuft. Es wird alles getan, um der FARC einen kriminellen Charakter, vor allem in Bezug auf ihre Verwicklung in den internationalen Rauschgifthandel und ihre soziale Basis unter den Kokabauern, zuzuschreiben. Was davon stimmt, ist von außen schwer auszumachen, ganz auszuschließen ist da einiges nicht. Immerhin ist Kolumbien nun mal eine der Hochburgen des Rauschgifthandels und die Kartelle von Cali und Medellin sind weltbekannt.
Nun hat es also schon 100 Tote gegeben. Wie bestellt explodierten während der Amtseinführung des Präsidenten Uribe Sprengstoffbomben in der Nähe des Präsidentenpalastes, 21 Menschen kamen ums Leben. Ein Hauch von Reichstagsbrand schwebt über dem Land, denn wer auch immer hier gedreht hat, es kommt den Plänen des rechten Präsidenten, der mit den beiden Guerilla-Bewegungen aufräumen will, sehr zu Paß.
Jetzt herrscht also Ausnahmezustand, eine "Notsteuer" wird erhoben, Reservisten werden eingezogen, neue Bataillone aufgestellt, ein "Bürgerinformationssystem" ausgestellt, daß auch als eine Art Zivildienst aufzufassen ist, weil man dort als Ersatz für den einjährigen Militärdienst dienen kann, kurz: die Gesellschaft wird militarisiert. Man mag es drehen und wenden wie man will: nach Improvisation sieht das alles nicht aus.
Schwierig ist es die FARC einzuschätzen. Sie hat sich in den letzten Jahren von vielen progressiven Bewegungen isoliert, auch von Kuba und der nikaraguansischen FSLN. Ihre Beziehungen zum Rauschgifthandel dürften zumindest nicht frei erfunden sein. Irgendwo her muß das Geld ja kommen, mag man sich sagen. Aber hier ist zur Zeit zu viel Raum für gewagte Spekulationen. Ganz so ruhig, wie sie sich gibt, wird die FARC aber nicht sein, denn daß auch die Basis der Guerilla anfälliger für die Zuckerbrot und Peitsche-Taktik der rechten Paramilitärs sind, hat das Schicksal der mit Kuba verbundenen kolumbianischen Guerilla ELN gezeigt, deren Kämpfer zu einem nicht unerheblichen Teil übergelaufen sind.
Es scheint, daß sowohl die USA als auch die herrschenden Eliten in Lateinamerika jetzt entschlossen sind, ein für allemal reinen Tisch zu machen und einen Präventivkrieg zu führen. Grund dazu haben sie, denn Lateinamerika ist ein Pulverfaß: in Argentinien und Uruguay ist das Finanzsystem am Ende, Brasilien wird gerade noch durch den IWF gehalten, doch was geschieht, wenn "Lula" endlich mal Präsident wird? In Bolivien gärt es trotz der Installierung eines Präsidenten aus der neoliberalen Ecke, in Venezuela ist man Chavez immer noch nicht los, in Paraguay, Peru, Ekuador und Guayana kann es jederzeit losgehen und es scheint, daß sich auch in Chile die noch vor wenigen Jahren demoralisierte Opposition wieder regt.
Ein einziger Funken kann genügen, um die oberflächliche Ruhe eines gepeinigten, aber lebendigen Kontinents nachhaltig zu stören.
Che Guevaras Geist lebt.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 21.01.2003
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