Und immer noch kein Licht am Ende des Dschungels
Deutschlands überflüssigste Wochenzeitung wird fünf
Eigentlich kann man "überflüssig" ja nicht steigern, aber bei der Jungle World mag auch der Superlativ angehen. Fünf Jahre ist sie nun mittlerweile alt und ein illegitimes Kind der Tageszeitung Junge Welt, die für ihre bizarren Wendungen alle paar Jahre bekannt ist.
Angefangen hatte alles mit einem Hauskrach, der wie alle Hauskräche, besonders bitter und emotional ausgetragen wurde, aber in der Substanz doch eher banal war. Geschäftsführer Dietmar Koschmieder war bei seinem Versuch, gestützt auf seine Machtfülle, die ihm sein Status gab, eine eher behutsame Änderung der Linie und des Kräfteverhältnisses in der Redaktion durchzusetzen, auf den unversöhnlichen Widerstand der antideutschen Linie um den damaligen Chefredakteur Klaus Behnken und den Starkolumnisten Jürgen Elsässer gestoßen, die nun ihrerseits versuchten, nicht nur diese Kräfteverschiebung rückgängig zu machen, sondern den Geschäftsführer und den Teil der Redaktion, der auf seiner Seite stand, aus dem Blatt zu drängen.
Die Auseinandersetzung erregte damals einen erheblichen Teil der linken Öffentlichkeit und wurde in unappetitlicher Weise, teilweise handgreiflich ausgetragen. Die Rebellen beherrschten das eine Stockwerk im Verlagsgebäude Am Treptower Park, Koschmieder und "seine" Redaktion ein anderes Beide Seiten "besuchten" sich gelegentlich und mußten Wachen aufstellen. (auch der Verfasser dieser Zeilen schob eifrig Wache - auf Seiten der Jungen Welt.) Die Polizei war ein zwar nicht gerngesehener, aber häufiger Gast im Verlagsgebäude. Die Auslieferung der Jungen Welt wurde - wie einst bei Bild - behindert, ein LKW gestoppt, die Ladung vernichtet; Gerichte wurden bemüht, schließlich kam es zu Provisorien: Junge Welt erschien wochenlang mit dem alten Logo aus DDR-Gründungszeiten, Jungle World als eine Art Notausgabe in Konkurrenz, zunächst als Beilage in der Tageszeitung und dem Neuen Deutschland, dazu.
Mittlerweile ist das alles alter Schnee. Junge Welt hat - prekär - überlebt und einen weiteren Linienkampf hinter sich, auch die Jungle World ist noch da. Geblieben ist eine Entmischung der Leserschaften, ideologisch, aber auch räumlich, denn es hat sich längst herausgestellt, daß die Gruppe um Koschmieder zwar in der damaligen Redaktion in einer aussichtslosen Minderheitenposition war, nicht aber in der Leserschaft, die der Zeitung zum großen Teil noch aus alten DDR-Tagen die Treue gehalten hatte und deshalb auch umstandslos die neue Junge Welt mittrug. Im Westen dagegen überwog die Szene und die scharte sich bald um die neue Wochenzeitung mit den alten Initialen. So verschwand die Junge Welt im Westen weitgehend aus der Öffentlichkeit, im Osten faßte die Jungle World kaum über Teile Berlins hinaus Fuß.
Eigentlich schade, denn hier hätte, um die dumme Ausdrucksweise einmal zu benutzen, etwas zusammenwachsen können, was vielleicht nicht zusammenwachsen kann, aber doch hätte Dialogfähig bleiben können. Allein, der Zug ist nun abgefahren. Aber die heutige Jungle World ist sicher auch nicht mehr das, was sich diejenigen, die sie einst gründeten, darunter vorgestellt haben mögen. Als sie gegen Koschmieder kämpfte, verstand sie sich als linksradikal und progressiv gegen die als alt, autoritär, staatsfixiert verschrieenen Traditionalisten. Sie war antistaatlich, antideutsch, hyper"kritisch" und gerierte sich als undogmatisch. Doch nie hatte sie einen wirklich gesellschaftsverändernden Anspruch. Der konkrete Gegenentwurf erschien den Jungle World-Redakteuren immer als zu konstruktiv. Man war hier für die Entlarvung der ideologischen Dummheiten der anderen zuständig.
Doch Kritik ohne konkrete Richtung verkommt über kurz oder lang (meist über kurz) zum Selbstzweck, zur l´art pour l´art. Dann wird sie zur Attitüde, die sich ihren gesellschaftlichen Halt in der negativen Affirmation des Bestehenden suchen muß. So ist das Auftauchen der sogenannten "Bellizisten" ebenso wenig Zufall wie die Gefolgschaft zum US-Imperialismus und seinem Nahost-Festlandsdegen Israel. Natürlich ist das eine andere Art der Gefolgschaft als sie etwa die Unionsparteien zeigen. Sie ist eben kritisch, doch behindert dieser kritische Blick die Kapitalverwertung nicht.
Doch was bei Konkret ärgerlich sein mag und bei den Bahamas lustig, ist bei Jungle World nur langweilig. Die Artikel sind kaum oder schlecht recherchiert (außer bei einzelnen Autoren, z.B. Bernhard Schmidt), die theoretischen Kenntnisse schwach, die Polemiken flach. Und wo die TAZ es immerhin noch zum ausgelagerten Volontariat der Bürgerpresse bringt, von dem aus sich manche Türen öffnen in den etablierten Betrieb, schafft es die Jungle World gerade zur Wochen-Taz auf Schülerzeitungsniveau. Das befriedigt auf Dauer auch den intellektualisierenden Teil der Nachwuchs-Bourgeoisie nicht. So wird die Jungle World zwar zur ideologischen Black Box, in die man als Linksradikaler hineingeht und als Linksliberaler wieder hinauskommt mit bezeichnenden Biographien von "Klasse gegen Klasse" zur postmodernen Beliebigkeit (nicht wahr, Björn?), aber auch zur Deadend Street des Junior-Journalismus. Jungle World - danach kann nichts mehr kommen.
Doch so wenig gesellschaftlichen Gebrauchswert Jungle World auch hat, das Milieu , das sie trägt, ist beständig in dieser blockierten Gesellschaft. Und wo die Gesellschaft in bester Titanic-Manier vor sich hinrottet, hat auch die Jungle World ihren Platz: als Ausdruck der überflüssigen Jeunesse Doree der zerfallenden spätbürgerlichen Gesellschaft. Und solange dieser Zustand andauert, gibt´s die Jungle World und immer noch kein Licht am Ende des Dschungels...
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 21.01.2003
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