Immer auf der Höhe
Heinrich Harrer, der "sieben Jahre in Tibet lebte, feiert seinen 90. Geburtstag
Das Leben in den höheren Regionen der Erde muß - trotz aller körperlicher Anstrengungen - einen gesundheitsfördernden Aspekt haben. Wie ist es sonst zu erklären, daß große Alpinisten, wenn sie nicht vor der Zeit in irgendeiner Gletscherspalte verschwanden, ein zumeist biblisches Alter erreichten. Unvergessen der Südtiroler Luis Trenker, auch mit fast 100 körperlich und geistig reger als mancher Sechzigjährige, nun nähert sich auch Heinrich Harrer der Dreistelligkeit. (Übrigens war es auch für einen Reinhold Messner deutlich gefährlicher, auf der Mauer seines Anwesens herumzuturnen als im Himalaya).
Harrer, geboren am 6. Juli 1912 im österreichischen Hüttenberg, genauer in Obergossen, war, wie der unlängst verstorbene Norweger Thor Heyerdahl, Abenteurer, Schriftsteller, Forscher, Wissenschaftler, Völkerkundler. Allerdings im Unterschied zu diesem eben Bergsteiger, und: er hatte etwas, was zwar in der wissenschaftlichen Zunft immer noch mit leichtem Mißtrauen beäugt wird, weil es den Ruch des "Unseriösen" hat, die Fähigkeit, sich zu vermarkten und ein breites Publikum anzusprechen.
Harrer war Wissenschaftler, er hatte Geographie und Sport in Graz studiert, aber auch Praktiker: 1936 war er Teilnehmer bei der österreichischen Olympiamannschaft für Abfahrt und Slalom, er war Skilehrer, Bergführer und , ebenfalls 1937 Trainer der österreichischen Damen-Skimannschaft.
Harrer bestieg die Eiger-Nordwand als Erster und konnte 1938 an der deutschen Nanga Parbat-Expedition teilnehmen. Da hatte sich aber schon einiges geändert. Österreich war "heim in´s Reich" geholt worden und auf einmal war Harrer nicht mehr in österreichischen, sondern in deutschen Mannschaften und Expeditionen. Harrer bekam zum neuen Regime, dem der Sportsmann natürlich imagemäßig gut in´s Konzept paßte, beste Kontakte, die er auch selbstständig pflegte. Er hatte die Tochter des berühmten Paul Wegener (der als erster die Theorie der Kontinentalverschiebung aufstellte), Lotte, geheiratet und war - gleich nach dem Anschluß - der NSDAP beigetreten. Das ermöglichte ihm die Teilnahme an der Nanga-Parbat-Expedition.
Die Teilnahme an dieser Expedition wurde dann für sein weiteres Leben bestimmend, denn bei der Rückkehr, mittlerweile hatte der 2. Weltkrieg begonnen, internierten ihn die Engländer als "feindlichen Ausländer" in ihrem Lager Dehra Dun in Indien. Zwar wurde bald darauf sein Sohn geboren, doch die Ehe mit Lotte Wegener zerbrach an der langen Abwesenheit des Vaters. Harrer brach 1944 aus dem Internierungslager aus und wurde zur Fahndung ausgeschrieben, was sich freilich unter den Bedingungen des Himalayas nicht ganz einfach praktisch umsetzen ließ. Harrer wandte sich nach Norden, überquerte den Himalaya und durchwanderte Tibet, wo er schließlich Lhasa, die für Ausländer verbotene Stadt, erreichte. Dort blieb er bis 1951 und freundete sich mit dem Dalai Lama an.
In Europa hielt es ihn nicht lange. Nach einem kurzen Abstecher zu seinem Bruder im Geiste Sven Hedin in Schweden machte er verschiedene Expeditionen: er besuchte die Quellen des Amazonas, bestieg den Ausangate, ging nach Alaska, ging nach Kongo, damals "Belgisch-Kongo", wurde (natürlich) zwischendurch österreichischer Golfmeister, durchquerte als erster Neuguinea und wurde 1964 Professor.
Bis weit in die 80er Jahre blieb Harrer als Reisender, nun schon über 70, aktiv. Er wurde mit Preisen überhäuft, mittlerweile gab es aber auch scharfe Kritik, die erstaunlicherweise direkt nach dem Krieg gar nicht erhoben worden war. Man warf ihm - mindestens - Opportunismus vor. Vor allem seine Mitgliedschaft in der NSDAP und die Tatsache, daß sich Harrer bereitwillig von der Propaganda des Regimes instrumentalisieren ließ, wurde ihm - nicht ganz zu Unrecht - vorgehalten. Mehr ging allerdings auch nicht. Irgendwelche konkreten Verfehlungen, die ihm als Person anzulasten gewesen wären, gab es nicht. Wie auch, war er ja ständig in ganz anderen Regionen unterwegs, zudem noch mehrere Jahre lang interniert. Er war ein Mitläufer, der für das Regime nichts getan hat, dagegen allerdings auch nicht.
1991 wurde in seiner Geburtsstadt Hüttenberg das Heinrich-Harrer-Museum eröffnet (in Anwesenheit des Dalai Lama). 1995 verfilmte Jean-Jacques Annaud Harrers Buch "Sieben Jahre in Tibet" mit Brad Pitt als Harrer. 1997 veröffentlichte Harrer seine Autobiographie "Mein Leben". Eigentlich hat sich Heinrich Harrer selbst überlebt. Er scheint das zu genießen, denn am Sonnabend, den 6. Juli, feierte Heinrich Harrer seinen 90. Geburtstag.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 21.01.2003
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