Der gute Mensch aus Kaiserslautern
Zum Tode des Fußballidols Fritz Walter
Sic transit gloria mundi. Fritz Walter war in seinen besten Zeiten ein großes Idol, eigentlich die erste sportliche Identifikationsfigur nach dem Kriege. Den jüngeren ist er heute kaum noch bekannt, abgesehen von einigen Spezialisten der Fußballhistorie. Allenfalls erinnert man sich noch seines viel jüngeren Namensvetters aus Mannheim, der aber auch schon nicht mehr unter den Aktiven weilt. Ansonsten kennt man ihn noch aus dem Fernsehen, wo er immer mal wieder neben den ungleich bekannteren Franz Beckenbauer und Uwe Seeler als Ehrenspielführer der Nationalmannschaft erwähnt wird und natürlich aus den Sportübertragungen, wenn der Name Fritz-Walter-Stadion genannt wird, der (frühere) Betzenberg.
Dabei stand die Karriere Fritz Walters unter keinem guten Stern. Im Oktober 1920 geboren gehörte er zu den Jahrgängen, die im Kriege die größten Verluste zu erleiden hatten. 1940 kam er zwar noch zu seinem ersten Länderspiel, doch die sich anschließende internationale Karriere blieb umständehalber begrenzt. 1942 wurde der Länderspielbetrieb eingestellt, schon vorher mangelte es einfach an Gegnern. Österreich hatte man "angeschlossen" und die Anzahl der Feinde nahm von Jahr zu Jahr zu, so daß bald nur noch die Verbündeten des Hitlerreiches übrigblieben: Rumänien, die Slowakei, Kroatien. Auf die Dauer etwas mager. Nach dem Kriege war Deutschland zunächst international geächtet, auch im Sportbetrieb, bis schließlich die Schweiz 1950 die Quarantäne aufhob. Doch da war Fritz Walter bereits 30 Jahre alt. Erstaunlich, daß er es dann doch noch auf insgesamt 61 Länderspiele brachte. Seine Karriere beendete er mit 38 Jahren, nach der Weltmeisterschaft in Schweden, als Deutschland im Halbfinale im legendären "Heja-Spiel" gegen die Gastgeber ausgeschieden war.
Obwohl auch international eine Berühmtheit, blieb Fritz Walter immer in einer für die heutige Zeit kaum mehr verständlichen Art bodenständig. Aktiv spielte er immer nur für den 1 FC Kaiserslautern, auch als Trainer betreute er nur sozusagen nebenberuflich den Lokalrivalen VFR Kaiserslautern und später in den 60er Jahren den SV Alsenborn, was eigentlich auch eher dem eher trivialen Umstand zuzuschreiben war, daß er dort ein kleines Haus gebaut hatte, in dem er bis zu seinem Tode lebte.
Mit Alsenborn, einem 2000-Seelen-Nest, hatte Fritz Walter dann auch seine letzten sportlichen Erfolge, als er den Dorfverein in die Spitzengruppe der damaligen Regionalliga Südwest brachte, wo sich der Verein für Jahre festsetzte. Er schaffte schließlich sogar die Qualifikation für die neueingeführte zweite Bundesliga, scheiterte aber am DFB, der dem SV Alsenborn mangelnde wirtschaftliche Leistungsfähigkeit attestierte, obwohl alle Unterlagen in Ordnung waren: der Klub war den DFB-Oberen einfach zu klein. Doch da hatte sich Fritz Walter bereits zurückgezogen.
Fritz Walter war immer ein bescheidener, ja sogar schlichter Mensch, was ihm allerdings des öfteren auch - je nach Geschmack - als Berechnung oder Dummheit ausgelegt wurde. Ob ihm das etwas ausgemacht hat? Er ließ es sich jedenfalls nicht anmerken.
Fritz Walter ist nicht denkbar ohne seinen "Chef", den Reichs- und späteren Bundestrainer Sepp Herberger, der ihn auch gern zu seinem Nachfolger gemacht hätte. Dazu ließ er sich nicht überreden.
Gegen Fritz Walter ist auch oft der Vorwurf der politischen Naivität erhoben worden. In einem Buch, das er Ende der 50er Jahre schrieb, beschrieb er seine Karriere. Darin gibt es - abgesehen von einigen wenigen Bemerkungen über die privaten Verhältnisse - nur Fußball. Die große Politik, vor deren Hintergrund er seine Karriere absolvierte (betrieben hat er sie eigentlich nicht, eher hat ihn Herberger getrieben), kommt vor: als Hintergrund. Man erfährt von Ernst Willimowski, dem Torjäger der polnischen Nationalelf, der als "Volksdeutscher" ab 1940 einfach weiter das tat, was er konnte: Tore schießen, jetzt eben im deutschen Trikot. Man erfährt von den schwierigen Bedingungen zwischen Training und Soldatsein. Auch vom Verständnis eines sowjetischen Offiziers, der Fußball-Anhänger war und dafür sorgte, daß Fritz Walter statt nach Sibirien wieder nach Kaiserslautern kam. Hat er da etwas verdrängt. Da tut man Fritz Walter unrecht. Er war eben ein einfacher Mensch, der die großen Ereignisse der Welt immer in erster Linie als Schicksal empfand, das man so oder so hinnehmen mußte. Das blieb auch nach dem Kriege so. Er wollte immer nur der Fritz aus der Pfalz sein, mit dem einzigen Unterschied, daß er eben ein Weltklassefußballer war. So blieb ihm auch der Absturz so vieler Großer des Geschäfts: Best, Garrincha, Libuda, erspart.
Von ihm mehr zu verlangen, ist unbillig. Es ist wohl immer noch eine deutsche Unart, von jedem Sportler oder Künstler auch politische Klugheit zu erwarten.
Im Januar starb Walters langjährige Ehefrau Italia. Ihr ist Fritz Walter jetzt im Alter von 81 Jahren in seinem Haus in Enkenheim-Alsenborn gefolgt.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 21.01.2003
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