Die ewigen Zweiten von Berlin
Zum 100. Geburtstag von Tennis Borussia Berlin
Jetzt haben sie es also doch noch geschafft: Tennis Borussia Berlin ist am 9. April 100 Jahre alt geworden. Und das wurde natürlich angemessen gefeiert. Dabei gibt es für den angeschlagenen Verein, der heute als Symbolklub für die Politisch Korrekten gilt, im Grunde nicht viel zu feiern. Denn der Absturz des Klubs ist schon fast einzigartig. So nimmt es nicht Wunder, daß sich die früher so leutselige Berliner Prominenz aus Kultur und Politik auf der Feier nicht sehen ließ. Einzig die Ex-Profis Dietmar Jakobs und Benny Wendt aus längst vergessenen Bundesliga-Zeiten gaben sich als letzte Promis noch die Ehre.
Jetzt droht eine "Altlast", eine neu aufgetauchte Forderung des Finanzamtes in Höhe von 1,2 Millionen Euro dem Klub, der sich gerade etwas gefangen hatte, den Rest zu geben. Die Sache ist aber noch nicht entschieden.
Vor drei Jahren wollte man noch hoch hinaus, hatte sich nach mehreren Anläufen scheinbar in der 2. Bundesliga etabliert und rechnete längst auf Höheres. Bundesliga sollte es sein und dann ChampionsLeague, wie man es im Management auch ziemlich offen - und etwas großspurig - formulierte. Möglich wurde das durch einen Finanzdienstleister aus Göttingen, der "Göttinger Gruppe", die, zwar selbst in der Branche wegen dubiosen Finanzgebahrens nicht unumstritten, auch hoch hinaus wollte und sich dafür die "herrenlose" Tennis Borussia als Werbeträger auserkoren hatte. Das brachte auch den Aufstieg und zunächst gewaltige Erfolge, dann aber auch einen Verlust an Identität, zunächst in der Mannschaft, die in unterschiedliche Grüppchen zerfiel und nicht mehr als Einheit auftrat (Winfried Schäfer, der heutige Nationaltrainer von Kamerun, bekam die Situation überhaupt nicht mehr in den Griff), dann auch mit den Fans, die selbst bei Spitzenspielen nicht in Massen kamen und oft im eigenen Mommsen-Stadion majorisiert wurden, zum Schluß brach alles zusammen. Zwar konnte 1999/2000 der Klassenerhalt gerade noch geschafft werden, aber dann gab der DFB den Gnadenstoß. Er verweigerte Tennis Berlin die Lizenz, da der Finanzier, die Göttinger Gruppe, selbst nicht genügend Bonität habe.
Nach den Maßstäben müßte sich heute die DFL, die an Stelle des DFB getreten ist, selbst die Lizenz verweigern, wenn man an das seit Jahren absehbare Kirch-Fiasko denkt. Aber wer die Macht hat, entscheidet und so unterlag Tennis Borussia in allen Instanzen und mußte in der Regionalliga neu anfangen, praktisch ohne Mannschaft, nur mit Weiland, Kozak, einigen Neuzugängen, Jugendlichen und im Kern gestützt auf die alte Amateurmannschaft.
Tennis Borussia Berlin war über einige Jahrzehnte der ewige Zweite des Berliner Fußballs, immer oben dabei, nie ganz vorn. Gegründet am 9. April 1902 als "Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft Borussia" drang der Verein, der seinen Namen bald verkürzte in "Berliner Tennis Club Borussia", schon bald in die Creme des Berliner Fußballs vor. Das war allerdings kein so großes Kunststück wie es heute wäre, denn die damalige Struktur des Fußballs war weniger vertikal angelegt wie heute, so daß neue Vereine leichter schnell in die Spitze aufsteigen konnten.
Der 1. Weltkrieg ordnete - wenn man so zynisch formulieren darf - die Verhältnisse auch im Fußball ganz neu und als Tennis 1923 in die 1. Liga (Berlin) aufstieg, war es damit sowieso erstklassig, denn darüber gab es nur noch die Endrunde, die nach dem KO-System ausgetragen wurde. Tennis Borussia stieg aus dieser Liga nie ab und verlor die Erstliga-Zugehörigkeit erst mit der Einführung der Bundesliga 40 Jahre später.
Denn Berlin bekam einen Platz zugesprochen und den wiederum die Hertha.
So war es eigentlich immer, schon seit den 20er Jahren, als Tennis Borussia 10 Jahre lang versuchte, sich gegen den Großklub vom Gesundbrunnen durchzusetzen, aber immer den Kürzeren zog. Dabei hatte Tennis illustre Trainer und Spieler, so z.B. die späteren Reichstrainer Otto Nerz und Sepp Herberger (in dieser Reihenfolge), von denen letzterer bei Tennis auch noch als Spieler aktiv war. Sepp Herberger hatte seinerzeit den Spruch "11 Freunde müßt ihr sein", der ihm zugeschrieben wird, von Richard Gerulatis, dem ersten Trainer der Borussia entliehen. 1932 wurde Tennis Berlin zum ersten Male Meister des Regionalverbandes Berlin-Brandenburg - mit Sepp Herberger als Trainer. Das war der vorläufige Höhepunkt. Danach hatte Tennis Borussia einen schweren Stand. Als Verein, der mit dem liberalen jüdischen Bürgertum der Stadt identifiziert wurde, wurde Tennis Borussia gleich zu Beginn des Jahres 1933 sozusagen "arisiert". Es wurde starker Druck auf jüdische Mitglieder (bzw. solche, die die Nazis als Juden definierten) ausgeübt, und so trat auch Tennis Borussias Präsident zurück und gleich auch aus dem Verein aus. Tennis Borussia verlor damals knapp 20 Prozent seiner Mitglieder.
Verboten wurde der Verein - entgegen heute zuweilen kursierenden anders lautenden Gerüchten - jedoch nicht und schlug sich dann in der Folgezeit mit wechselndem Erfolg durch die Gauliga Berlin-Brandenburg, bis zur endgültigen Einstellung des offiziellen Spielbetriebs am 8. Januar 1945, als die bereits laufende Saison aus im wahrsten Sinne des Wortes "übergeordneten" Gründen abgebrochen wurde.
Verboten wurde der Verein dann aber doch: und zwar von den Alliierten, die die klassischen Klubs erst mal auflösten und ihre Wiedergründung untersagten.
Das Folgende soll nicht im einzelnen dargestellt werden. Aber die Zeit, als man als SG Charlottenburg überwintern mußte, gingen schließlich auch vorbei und 1949 war TeBe wieder da. In dieser Zeit wurde der westdeutsche Fußball zu einem Kuriosum. Zäh wehrte sich der DFB gegen alle Neuerungen, gegen das "Profitum" und vor allem gegen die Einführung einer bundesweiten ersten Liga. Das änderte sich erst 1963, als die Bundesliga eingeführt wurde. Den Berliner Platz bekam dann die Hertha; aber das hatten wir schon mal.
Aus der neu gegründeten Regionalliga Berlin heraus aufzusteigen, war schwer. Zunächst nur aus 10 Vereinen bestehend, dann auf 16 aufgestockt, hatte die Insellage das Niveau in Berlin ausgedünnt. So etablierte sich zwar bald ein "Klub" aus 5 Vereinen an der Spitze der Liga - Tennis Borussia, Spandauer SV, Wacker 04 , Hertha Zehlendorf und Tasmania 1900, aber die wurden kaum gefordert und scheiterten jeweils in den damals notwendigen Ausscheidungsspielen ("Aufstiegsrunde") gegen die Spitzenklubs der Regionalligen West, Süd, Südwest und Nord. 1965 kam auch noch Hertha nach dem Lizenzentzug durch den DFB dazu, dafür verschwand Tasmania, kam aber postwendend zurück. Hertha blockierte eisern Platz 1, stieg aber jahrelang nicht auf und Tennis Borussia guckte in die Röhre.
In den 70er Jahren machte Tennis Berlin zweimal Anstalten, der Hertha den Rang abzulaufen 1974 stieg man in die Bundesliga auf, ebenso 1976. Beide Male gelang es aber nicht, die Klasse zu halten. Bis sich Tennis Borussia an das Bundesliga-Niveau gewöhnt hatte, war die Sache immer schon gelaufen, obwohl einzelne Spieler erstaunliche Leistungen brachten wie z.B. der Schwede Benny Wendt, der allzu oft allein auf die gegnerische Abwehr zustürmte und dennoch die Tore schoß, was es galt. Andere mit hohen Erwartungen, wie der Italien-Heimkehrer Karlheinz Schnellinger, floppten.
Zeitweilig verschwand TeBe sogar im Amateurlager. Zwar nicht durch Abstieg, aber doch als Opfer der Liga-Reformen. Als die eingleisige zweite Bundesliga eingeführt wurde, sank TeBe zur Drittklassigkeit herab. Jetzt verlor Tennis auch endgültig den Rückhalt beim Publikum, denn, was heute kaum mehr erinnerlich ist, noch in den 50er und frühen 60er Jahren mobilisierte Tennis die Massen.
Und es verband sich mit konkreten Gesichtern. Berühmt wurde der Präsident - und Showmaster - Hans Rosenthal ("Das ist Spitze"), aber auch "Jack White" (alias Horst Nußbaum), die auch das jüdische Image des Vereins wieder erneuern.
Mehrfach noch schaffte TeBe den Aufstieg in die 2. Liga, aber nach dem Zusammenbruch der DDR verändert sich die Berliner Fußball-Szene erneut. Jetzt wird die Hertha, die nach dem Bundesliga-Skandal erheblich an Anhang verloren hatte, wieder zur unbestrittenen Nummer 1. Dazu kommen die Ostvereine: der BFC Dynamo und vor allem Union. Tennis Borussia wird zum Nischenklub, Identifikationsmodell für eine Mischung aus liberalem Bürgertum und antideutschem Radikalismus. Zum Symbolverein der Politisch-Korrekten eben. Immerhin: Profillosigkeit kann man Tennis Borussia nicht vorwerfen. Wie es zu bewerten ist, sei dahingestellt.
Alles Gute für die nächsten 100 Jahre.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 21.01.2003
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