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im Roten Salon


Der Fall Vilcabamba

Die verschollen geglaubte letzte Hauptstadt des Inka-Reiches ist wiederentdeckt worden

Eine kleine Nachricht nur. Sie hat selbst auf den Wissenschaftsseiten der meisten Zeitungen nur Platz als winzige Notiz gefunden. Möglicherweise kommt in absehbarer Zeit noch etwas Ausführliches nach., aber wenn, dann wohl nur in Spezialzeitungen. Einer Gruppe von spanischen und peruanischen Forschern soll es jetzt gelungen sein, das seit Jahrhunderten verschollene Vilcabamba, die letzte "arbeitende" Hauptstadt der Inkas nach ihrer Entmachtung durch die spanischen Konquistadoren, wiederzufinden: als Ruinenstadt.

Dabei war die geheimnisvolle Festung schon einmal entdeckt worden - nach 1560. Bis dahin war es den Inkas gut gelungen, sie abzuschirmen und die notwendigen Verhandlungen mit den Spaniern auf neutralem Gelände durchzuführen. Schließlich hatte Titu Kusi Yupanqui einige wenige Spanier eingelassen, einen Mann namens Martin de Pando, der sein Sekretär wurde und den Mönch Diego Ortiz. Vorher auch schon einige andere, aber die kamen nur hinein und nicht wieder hinaus, so daß die Spanier insgesamt so klug blieben als wie zuvor. Erst 1572, als der spanische Vizekönig Toledo mit seinem endgültigen Vernichtungsfeldzug gegen das Inkanat von Vilcabamba begonnen hatte, fiel der Ort, den die letzten Truppen des Inka Tupac Amaru inzwischen geräumt hatten, in die Hände der Spanier. Er wurde dabei zerstört, wobei bis heute nicht klar ist, ob die abziehenden Inka-Truppen den großen Brand gelegt hatten, damit die Spanier sie nicht unversehrt in ihren Besitz kriegen sollten oder ob die spanische Vorhut, erbost, weil die erwartete reiche Beute durch den sagenumwobenen Schatz der Inkas, der nie wieder aufgetaucht ist, ausblieb. Zerstört war sie jedenfalls und im Laufe der Zeit holte die Natur sich zurück, was ihr entrissen worden war, nur die Erinnerung an Vilcabamba blieb über die Jahrhunderte erhalten.

Ob die jetzt aufgefundene Ruinenstadt wirklich Vilcabamba ist, wird sich wahrscheinlich noch zeigen müssen, aber allzu viele Städte hat es im immer kleinen werdenden Inkagebiet des späten 16. Jahrhunderts nicht mehr gegeben: Vilcabamba, Macchu Picchu und Viticos - das dürfte es dann aber auch gewesen sein, denn mehr gab die schrumpfende Ökonomie des Landes nicht mehr her. Anlaß genug auf jeden Fall für einen kleinen Rückblick.

1525 hatten die Spanier zum erstenmal - noch während der Regierungszeit des großen Huayna Capac, Peru das erste Mal aufgesucht, aber es war nur ein Schiff und blieb ein kurzer Besuch. Immerhin lang genug, um sich beiden Indianern herzlich unbeliebt zu machen und andererseits die Kunde von einem reichen Land tief im Süden bei den Spaniern bekannt zu machen, die zu diesem Zeitpunkt aber zunächst noch anderweitig beschäftigt waren und einige Jahre brauchten, bis Francisco Pizarro eine schlagkräftige kleine Truppe für eine Erkundung mit anschließender Eroberung zusammenstellen konnte. Sie hatte, ohne es zu ahnen, einen denkbar günstigen Augenblick für ihr Unternehmen gewählt, denn sie stieß geradewegs in eine Bürgerkriegssituation, als die Söhne Huayna Capacs, Huaskar und Atahualpa, die den "rechtmäßigen" Nachfolger Manco Capac Inka unter dem Vorwand der Minderjährigkeit entmachtet hatten, gegeneinander zu Felde zogen. Zwar war dieser Krieg just zu dem Zeitpunkt, als Pizzaros Räuber das Land betraten, schon entschieden, Huaskar (die Schreibweise variiert je nach Quelle, da die Inka selbst keine Schrift kannten und die Spanier die Laute umschrieben) in Cusco arretiert. Als er auf Atahualpas Befehl hin ermordet wurde, maßten sich ausgerechnet die Spanier eine Richterrolle an . Sie hatten Atahualpa schon vorher gefangen genommen und dabei seine gesamte Begleitung ermordet, nun zwangen sie die Herausgabe eines Lösegeldes und hielten schließlich "Gericht" ab. Atahualpa wurde erdrosselt und die Spanier fanden es für klug, sich einstweilen des jungen Manco Inka zu bedienen, den sie als neuen Inka einsetzten und zur Legitimation ihrer Raubzüge mißbrauchten. Der junge Mann durchschaute das Spiel jedoch und machte sich nach einiger Zeit selbständig und entfachte in den darauffolgenden Jahren einen regelrechten Guerillakrieg, der 1536 sogar in einen offenen - wir würden heute sagen: konventionellen - Krieg eskalierte, bei der ein gewaltigen Indianerheer, über dessen wirkliche Stärke allerdings nur Fantasiezahlen zu ermitteln sind, Cusco, mittlerweile eine von den Spaniern beherrschte Stadt, belagerte. Die Belagerung führte allerdings nicht zu einem Erfolg und mußte ergebnislos abgebrochen werden, weil die Ressourcen für eine dauerhafte Versorgung eines so großen Heeres nicht mehr ausreichten. In der Folge beherrschten die Spanier drei der vier Bezirke, aus denen sich das Inka-Reich zusammengesetzt hatte. Lediglich der Anti-Suyu blieb zunächst ein unabhängiges Rückzugsgebiet. Es handelt sich dabei um die Osthänge der Anden bis hinunter in den tropischen Regenwald. Hier regierte Manco Capac bis zu seiner Ermordung 1544 weiter und stieß von Zeit zu Zeit in die anderen Rayons vor, in denen er ohnedies durch seine Abgesandten bis in die Küstenregionen, wo inzwischen die alte Indianerstadt Rimac zur neuen Hauptstadt Lima "umgegründet" worden war, einen erheblichen Einfluß ausübte. Das Verhältnis zu den Spaniern in dieser Zeit kann als prekär bezeichnet werden. Es gab immer wieder Kontakte und Austausch von Botschaften, zeitweilige Erklärungen der "Freundschaft", Unterwerfungen der Indianer bei gleichzeitiger geheimer Rüstung und mehr oder weniger offene Kriege, bis schließlich der Inka Sayxri Tupac 1557 kapitulierte und Lima besuchte, wo ohne die Konquistadoren "freundlich" aufnahmen, ihn dann aber doch, als er ihnen nicht mehr nützlich zu sein schien, ermordeten. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Peru bereits sehr verändert und die Einwanderung hatte eine Rückkehr zu den alten Verhältnissen praktisch unmöglich gemacht, auch hatten sich Teile der Inka-Elite längst mit den Spaniern arrangiert, was freilich oft auch nur zum Schein geschah.

Das Inkanat im Anti-Suyu blieb für die Spanier dennoch ein Ärgernis, zumal dort seit 1560 Titu Kusi Yupanci regierte, der die Kapitulation Sayri Tupacs ignorierte und eine vorsichtige, jedoch eindeutig auf Restauration gerichtete Politik, getreu dem Vermächtnis seines Vaters Manco Inka, betrieb. Zwar nahm er Mitte der 60er Jahre das Christentum an, doch geschah auch dies nur aus taktischen Gründen, wie es in dem "Testament" Manco Inkas 1544 angeordnete worden war, wo es hieß: "...Die herkömmliche Religion bleibt weiterhin gültig, oberflächliche Konzessionen dürfen gemacht werden..." (Text, dessen Authentizität freilich fraglich ist, so überliefert durch den Inka Titu Kuisi Yupanqui in einem Brief an den spanischen König Philipp II etwa 1570).

Im Jahre 1571 starb Titu Kusi Yupanqui nach einer plötzlichen Krankheit. Der Verdacht, er sei vergiftet worden, kam sofort auf und führte zur Lynchung seines Sekretärs und zur "ordentlichen" Verurteilung der Mönchs Ortiz, der hingerichtet wurde. Der Verdacht wurde zwar nie wirklich bewiesen, doch spricht einiges dafür, denn schon zu diesem Zeitpunkt hatte der spanische Vizekönig Toledo die militärische Beseitigung des Rumpfstaates beschlossen. Der Tod des Inkas und der beiden Spanier paßten da sehr gut in´s Konzept. In mehreren Scharmützeln schlugen die Spanier die letzten Truppen des neuen Inkas Tupac Amaru (militärisch war das längst nicht mehr das, was es Jahrzehnte zuvor gewesen war. 500 - 600 Mann, das waren die letzten Truppen im Anti-Suyu!) Schließlich fiel den Spaniern Vilcabamba in die Hände, wenige Tage später auch der letzte Inka mit seiner schwangeren Frau, den sie am 14. September 1572 in Cuzco vor einer gewaltigen Menschenmenge, die vergebens um Begnadigung flehte, hinrichteten.

Tupac Amara blieb ein Mythos. Ziemlich genau 200 Jahre später griff der indianische Adlige Honore Gabriel Condorquanci den Mythos wieder auf und entfachte einen Aufstand, an dessen Ende er schließlich hingerichtet wurde. Als sein Feldherr Tupac Catari den Kampf fortsetzte und ebenfalls niedergeworfen werden mußte, verboten die Spanier 1781 das Ketschua und alle indianische Bräuche. Genutzt hat es wenig: das Ende ihres Kolonialreiches in Lateinamerika war bereits absehbar. Doch das ist eine andere Geschichte, auf die noch zurück gekommen werden soll.

  • Autor: © Charly Kneffel, Berlin
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 21.01.2003