Der letzte seiner Art
Zum Tode des Kulturmanagers Siegfried Unseld
Nun also auch er. In den letzten Jahren hatte man freilich gar nicht mehr gemerkt, daß er noch aktiv war. War er ja auch nur noch mit halber Kraft, denn Siegfried Unseld war schwer krank. Seine große Zeit als Vater des Kulturwunders in Westdeutschland nach dem Krieg lag schon lange zurück. Seine Zeit waren die 50er, vor allem die 60er und die frühen 70er Jahre. Den Jüngeren von heute war kaum noch sein Name bekannt.
Schon eher der seines Verlages: Suhrkamp. Den hatte Siegfried Unseld 1959 nach dem Tode des Firmengründers Peter Suhrkamp endgültig übernommen, nachdem er schon Jahre zuvor eingestiegen und immer mehr zur Seele des Verlages geworden war, zielstrebig aufgebaut von Peter Suhrkamp. Doch im Unterschied zu diesem war Unseld nicht in erster Linie Literaturfreund - das war er natürlich auch - sondern vor allem ein Mann der Wirtschaft, ein rechter Manager, auch wenn dieses Wort damals noch unbekannt bis verpönt war. Unseld machte in kurzer Zeit aus dem kleinen Literaturverlag, dessen Jahresproduktion bei etwa 20 Werken lag, einen Konzern. Und irgendwie paßte Unselds Wirken einfach zur Zeit. Es war die Zeit der Adenauer-Republik, die Zeit des Wirtschaftswunders, der Freßwelle, der Reisewelle usw., die ihn prägte und die das Umfeld seines Aufstiegs wurde. Eine sicher biedere, unpolitische, bornierte Republik. Doch als Minoritätenkultur entfaltete sich in dieser Republik ein kritisch-bürgerlicher Geist, der eine eigene Subkultur bildete, freilich zurückgezogen auf die feine Welt des Kabaretts, zwar kritisch, aber harmlos, wie die Münchener Lach- und Schießgesellschaft, das Düsseldorfer Kom(m)ödchen oder die Berliner Stachelschweine (die "Insulaner" lassen wir mal außen vor!). Es war die Zeit der "Gruppe 47" um Hans-Werner Richter, einem Monopolartigen Literarischen Salon, und es war die Zeit, in der die neue Literatur aufgebaut wurde. Zunächst natürlich mit einem Amalgam aus alten und neuen Kräften.
Suhrkamp war immer froh, die letzte Heimstatt der deutsch-jüdischen Literatur geworden zu sein. Kracauer, Gershom Sholem und andere fanden hier ihre letzte Wirkungsstätte. Doch durch Unselds Hände gingen sie (fast) alle, die bis Mitte der 60er Jahre literarisches Talent hatten: Max Frisch, Wolfgang Koeppen, Uwe Johnsson, Peter Weiss, Martin Walser usw. Doch aus dieser kritischen Subkultur sollte auch eine Art Braintrust der Studentenbewegung werden, die sich Mitte der 60er Jahre zunehmend, erst allmählich, dann aber rapide, entwickelte. Ihr hätte ohne die Edition Suhrkamp, die es seit 1963 gab, einiges gefehlt. Später wurden die Taschenbuchserien des Suhrkamp-Verlages erweitert: die Suhrkamp-Biliothek erschien. Dazu "Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft - stw" - noch in Erinnerung? 1963 war der Insel-Verlag dazu gekommen. Wäre der Begriff nicht so bombastisch, könnte man von einer intellektuellen Hegemonie sprechen. Allerdings eher der Studentenbewegung, nicht nur von Suhrkamp. Mit dem Niedergang der Studentenbewegung verlor auch Suhrkamp an Bedeutung. Der Verlag geriet zwar nie in wirtschaftliche Schwierigkeiten, konnte sich auch mit einem anspruchsvollen Programm behaupten, aber er verlor den Reiz des Besonderen. So ging es auch Unseld.
1924 in Ulm geboren, hatte er die klassische Erziehung der Zeit durchlaufen, nicht frei von den unfreiwilligen Verstrickungen, in die fast jeder Deutsche aus bürgerlichem Hause damals geraten mußte. Er besuchte ein humanistisches Gymnasium, war dann im "Jungvolk" und später Soldat, wo er im Schwarzen Meer nur durch Zufall dem Tode entging. Erst nach dem Kriege konnte Unseld studieren und er tat sich lange schwer im literarischen Milieu. Dort galt er für die Snobs als zu prollig. Ob es Unseld verletzt hat? Wir wissen es nicht. Am Ende hat er sich mehr durchgesetzt als die vielen seiner Verächter. Und bei allem, was kritisch anzumerken wäre: Unseld, das ist der Wiederaubau der deutschen Literatur nach dem Kriege. Sein Wirken wird noch lange spürbar sein.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 21.01.2003
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