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im Roten Salon


Schill jetzt ohne Schill

Aufstieg und Fall eines politischen Hochstaplers

"Den meisten Quellen ist der Verlauf der Flüsse unangenehm..." Jean Cocteau

Es sieht so aus, als wäre da wieder einmal jemand als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet. Ganz so schnell und abrupt hatte sich Ronald Schill seinen finalen Abgang wohl nicht vorgestellt, aber Mangel an Realitätsbezug war immer die Hauptcharakteristik des ehemaligen "Richter Gnadenlos", der angetreten war, die Bedürfnisse eines großen Teils des Hamburger Wahlvolks nach einem starken Mann, der wieder für "Ruhe und Ordnung" sorgt und sich gleichzeitig als Saubermann betätigt, zu bedienen. Dabei war Schill von Anfang an nichts weniger als das, eher ein Lebemann, der sich das Image des Volkstribuns als ganz persönliches Karriereticket aufgebaut hatte, um aus der beruflichen Sackgasse des weitgehend isolierten Amtsrichters herauszukommen und sich den Platz in der Gesellschaft anzueignen, der ihm nach Meinung Schills zukommt.
Das Bedürfnis, das er ansprach, war real und offenkundig weit verbreitet. Mehr als 17 Prozent gaben der neugegründeten Schill-Partei ihre Stimme, obwohl diese weder ein Programm noch akzeptables Personal vorzuweisen hatte. Protestwahl, selten traf dieser Ausdruck so zu wie im Falle Schill. Protest gegen den schleichenden Verfall der Hansestadt, die seit Ewigkeiten von den immergleichen SPD-Seilschaften regiert wurde, jetzt mit der bürgerlichen Jugend, die nach wilden Jahren jetzt doch mit Hilfe der GAL ihre Karriere machen wollte oder wenigstens ihre materiellen Interessen absichern, als Koalitionspartner. Dem alten Bürgertum war diese Koaltion zwar ein Greuel, aber in der Hansestadt ließ es sich gut leben, wenn man genügend Geld hatte und schließlich, was wollen die Pfeffersäcke sonst? Im übrigens hatte sich dieses Bürgertum längst mit seiner scheinbar unaufhebbaren strukturellen Minorität abgefunden und mit der ewigen Herrschaft der SPD. Weniger damit abgefunden hatten sich allerdings Teile der alten Klientele der SPD, vor allem aus der Arbeiterschaft. Denen war schon lange deutlich, daß die Arbeiterpartei SPD sie allenfalls noch als billiges Stimmvieh (miß)-brauchte. Diese SPD war selbst eine Partei der "da oben" geworden, vertrat den Öffentlichen Dienst und all das, was man in 68er Zeiten das "Establishment"genannt hätte. Derweil ging die Industrie (Strukturwandel) zugrunde, stieg die Anzahl der Arbeitslosen, wuchs gleichzeitig die Abgabenbelastung gerade der "kleinen Leute", während Leute, die mehr hatten, immer ihre Schlupflöcher fanden. Wird dieses Gefühl der Benachteiligung nicht politisch, so entwickelt es sich zum Ressentiment. Gegen die, die noch weniger hatten, aber auch nicht arbeiteten, Sozialhilfeempfänger, Asylanten, Drogenhändler, Hausbesetzer, Kriminelle, gegen "rechtsfreie Räume", aber auch gegen die Neureichen. Diese städtischen Unterschichten hatten keine Interessenvertretung mehr, sie waren die geborenen Loser der postindustriellen gesellschaft. Und da es keine SPD mehr gab, die sich um sie kümmerte, auch keine Kommunisten mehr, flüchteten sie in die Wahlenthaltung, mit in der Tasche geballter Faust und dem tiefen Groll, der unablässiger Kränkung eben entspringt. Auf diese Stimmung schien Schill zu passen wie der Arsch auf den Pott. Er gab sich volksnah, trotze der veröffentlichten Meinung, versprach Einsatz für die sozial Schwachen, mehr Ruhe und Ordnung und überhaupt: eine harte Hand, streng aber gerecht. Natürlich hätte ein aufgeklärter Beobachter unschwer erkennen können, daß hier alles Bluff war. Schill hatte kaum Ansätze eines Programms, hier und da ein paar populistische Sprüche, versprach allen alles und wollte doch nichts wirklich mehr als so schnell wie möglich in eben die Schickeria aufsteigen, die er markig attackierte. Versuche des grünen Establishment, ihn zu isolieren, scheiterten schon im Ansatz und lange vor seinem spektakulären Wahlerfolg. Schill, der Saubermann, war akzeptierter Partylöwe, umgab sich gern mit schönen Frauen, trank reichlich , schnupfte dann und wann und mied ernsthafte Arbeit, wo es nur ging. Bald merkte die Schickeria, hier ist einer von uns, nur die dezidiert Grünen zierten sich bis zuletzt, weniger aus Überzeugung denn aus Imagegründen (allerdings auch, weil sie sauer waren, daß ihnen unverdienterweise nur die harten Oppositionsbänke blieben - und oppnieren mögen die Grünen genauso wenig wie die FDP).
In der praktischen Politik passierte weniger. Schill posierte mit Polizisten in neuen Uniformen und warb dem ewig klammen und ein bißchen schrägen Berliner Senat junge Polizisten ab, ansonsten gab es Sozialabbau, Korruption, Vetternwirtschaft usw. Eine durch und durch reaktionäre Regierung, aber auch nicht nennenswert reaktionärer als die zur Wahl stehenden Alternativen etwa unter Voscherau oder Scholz. Da auch das wahlvolk bald merkte, daß sich unter von Beust/ Schill eigentlich nichts änderte, sanken die Umfrageergebnisse der Schill-Partei stetig. Außerhalb Hamburgs hatte sich Schills Protestbonus ohnehin bereits verbraucht, denn die Partei des Hamburger Innensenators eigenete sich kaum zur Artikulation ernsthaften Protests. So blieb Schill ein hamburger Phänomen, was ihm selbst bedeutend weniger ausmachte als seinen Anhängern in der Provinz, die sich eine leichte Karriere auf dem Schill-Ticket versprochen hatten. In Sachsen-Anhalt und schließlich In Bremen war die Partei noch einmal nahe dran an einem Erfolg, dann begann die Erosion.
Auch Schill verlor allmählich die Lust, sein Hauptziel war erreicht, weitere Erfolge eher unwahrscheinlich, so gab er den Bundesvorsitz an Mario Mettbach ab, die operative Arbeit überließ er "Staatsrat" Walter Wellinghausen (ehemals SPD), ansonsten hatte er noch seinen Nockemann und Rolf Gerhard Rutter. Für die CDU war die Schill-Partei längst keine Gefahr mehr, aber noch wichtig als Mehrheitsbeschaffer, sie sollte zunächst zum Anhängsel umfunktioniert werden und dann aufgesaugt. Der Niedergang war absehbar.
Nur Schill hatte dafür kein Gespür. Den freundlicher gewordenen Ton hielt er für ein Zeichen seiner Bedeutung, dabei war er nur gezähmt worden. Als nun sein Staatsrat Wellinghausen wegen Interessenverquickung entlassen werden sollte, drohte Schill mit dem Ende der Koalition und zwang damit Ole von Beust in die Offensive, wollte er nicht als Anhängsel von Schill dastehen. Da ging Schill in völliger Verkennung seiner Lage noch einen Schritt weiter: Er drohte, Ole von Beust wegen Patronage eines engen freundes ins Gerede zu bringen und hoffte gelichzeitig darauf, daß dieser sein damit verbundenes Outing als Homosexueller scheuen würde. Das ging ganz schief. Von Beust setzte Schill, der offensichtlich völlig baff war, den Stuhl vor die Tür und...dessen "Parteifreunde" gingen ohne auch nur einen Augenblick zu zögern zur Tagesordnung über: Schill , dann eben ohne Schill. Auch das kann nicht wirklich überraschen, denn abgesehen von den unvermeidlichen wunderlichen Figuren, die der Narrensaum der Republik bei jeder Parteigründung freisetzt, hatten sich hinter Schill die Underdogs der etablierten Parteien gesammelt. Leute, die in den großen Parteien nur die untersten Stufen der Karriereleiter geschafft hatten, sich aber zu Höherem berufen fühlten, und dafür die Schnellstraße einer neugegründeten Seilschaft mit Senatsanbindung nutzen wollten. Sie hatten weder mit dem Volkstribungehabe Schills noch mit dessen Playboyallüren etwas am Hut. So gaben sie ihm schnell ein paar warme Worte und einen Tritt in den Arsch. Ihren verdienten Niedergang aufhalten wird das aber nicht. Nicht, weil sie so rechts wären, sondern weil sie so belanglos sind.
Und Schill? Den werden wir wohl wiedersehen. Als Jurymitglied bei der Wahl zum "Schlager des Jahres" oder in irgendeinem Rateteam, direkt neben Hugo Egon Balder.

  • Autor: © Charly Kneffel, Berlin
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    www.philosophischersalon.de
    Erstveröffentlichung: Kalaschnikow-Online
    www.kalaschnikow.net
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 23.10.2003