Willi Gettél
Roter Salon


Mit all unserer Kraft

Lesebrief zum Elsässer-Kuczynski-Interview


Das Pathos in seiner letzten Antwort an Jürgen Elsässer sei dem Nestor des DDR-Marxismus Jürgen Kuczynski nachgesehen. Vielleicht fällt es nur auf, weil der sonst so schnoddrige Elsässer den Eindruck eines wißbegierigen Knaben erweckt, der andächtig den Worten seines Meisters lauscht. Es gibt sie also noch - die ersprießliche Verbindung von jugendlichem Drang und der Weisheit des Alters. Nach starker Rührung nun zur Sache.

Elsässer stellt eine entscheidende Frage, und er stellt sie richtig. Es handelt sich genau um die Frage, die an die Nerven des kapitalistischen Systems geht. Den Antworten Kuczynskis ist im großen und ganzen zu folgen. Dennoch erscheint mir einiges unklar.

Er sagt, der „Kapitalismus befinde sich in der Auflösung“. In seiner nächsten Antwort fügt er hinzu, dies habe nichts mit dem tendenziellen Fall der Profitrate zu tun. Daß der Kapitalismus sich auflöse, scheint noch aus der Geisteswelt der DDR zu stammen. Natürlich löst sich alles irgendwann in der Unendlichkeit der Zeit auf. Für die Analyse erscheint mir jedoch eine derart biblische Prophetie weniger geeignet. Nach Marx gehört die kapitalistische Produktionsweise zu den progressiven Epochen der ökonomischen Formationen. Anhand der von Elsässer gestellten Frage gilt es doch zu untersuchen, ob sich der Kapitalismus einem Kulminationspunkt nähert, ob seine jetzt schon immer stärker hervortretenden destruktiven Tendenzen jenseits dieses Punktes vollends in Destruktivität umschlagen. Diese Destruktivität bedeutet aber noch lange nicht, daß er sich auflöst. Wir können auch nicht abschätzen, wie lange sie anhielte, träte sie ein. Auch wenn Kuczynski etwas später sagt, der Kapitalismus löse sich in Barbarei auf, bliebe diese Barbarei immerhin Kapitalismus.

Im folgenden hebt er die Bedeutung der Arbeitsproduktivität hervor und ist damit wieder ganz bei der Marxschen Kapitalanalyse. Unverständlich jedoch, daß er die Bedeutung des „tendenziellen Falls der Profitrate“ zuvor beiseite schiebt, als hätte beides miteinander nichts zu tun. Der objektive Zwang zur permanenten Steigerung der Arbeitsproduktivität entsteht aber aus den Bedingungen der Konkurrenz, so daß der tendenzielle Fall der Profitrate ihr vorantreibendes Element ist. Wie anders wäre das ständige Anwachsen des konstanten Kapitals zu erklären? Elsässers dritte Frage ist unscharf, indem er den „Produktivitätsschub“ (er meint den gegenwärtigen) als „nichts Neues“ bezeichnet. Auch die Antwort darauf ist zwar allgemein richtig, führt aber nicht auf den Punkt. Der metropolitane Kapitalismus ist in ein neues Stadium getreten: in das Stadium der intensiven Investition. Investiert wird nicht mehr, um neue Arbeitsplätze zu schaffen, sondern in immer produktivere Technologien, die Arbeitsplätze irreversibel vernichten und schwächere Branchen in den Konkurs treiben, was ebenfalls die Arbeitslosigkeit erhöht. Der Widerspruch zwischen steigender Produktivität und enger werdenden Märkten zwingt unaufhörlich zum Verdrängungswettbewerb, in dem sich nur behaupten kann, wer die Rationalisierung der Produktion permanent vorantreibt.

Dies alles ließe sich ausführlicher behandeln. Im Ergebnis läuft das Gespräch zwischen Elsässer und Kuczynski aber darauf hinaus.

Ich habe dieses Interview mit sehr viel Interesse gelesen. Möglicherweise wären meine kritischen Anmerkungen überflüssig, hätte sich Kuczynski in einem anderen Rahmen zu diesem Thema geäußert. Dennoch meine ich, es war eine anregende Sache.

Euch von der „Kalaschnikow“ rate ich, dieses Thema weiterzuverfolgen. Dazu muß noch sehr viel gearbeitet werden. Es zeichnet sich aber jetzt schon ab, daß es Sprengstoff ist. Der alte Kuczynski wirkt auf mich übrigens erfrischender als die ganze PDS zusammen. Also dann in seinem Sinne - „mit all unserer Kraft“.


  • Autor: © Willi Gettel, Berlin
    Erstveröffentlichung: Kalaschnikow - Das Politmagazin
    Ausgabe 5, Heft 3/96, S. 13
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 25.01.2003