Rettet den Kapitalismus!
Eine Rezension zu Rolf Dietrich Schwartz 'Kapitalismus ohne Netzt'
Die Krise des metropolitanen Kapitalismus schreitet unaufhörlich voran. Das für eine relativ kurze historische Periode aufgespannte soziale Netz zerbröselt unter den immer enger werdenden Verwertungsbedingungen des Kapitals. Massenarbeitslosigkeit, Demokratieabbau, Naturzerstörung und allgemeiner Zivilisationsverfall verdüstern das Ende des 20. Jahrhunderts. Allmählich breitet sich ein Gefühl aus, als gäbe es tatsächlich keine weitere Geschichte mehr. Doch nicht im Sinne Fukujamas, sondern als dumpfe Schicksalsergebenheit gegenüber einer katastrophischen Entwicklung. Ist der Kapitalismus noch zu retten?
Der Korrespondent der "Frankfurter Rundschau", Rolf Dietrich Schwartz, ist dieser Frage nachgegangen. Doch bevor er seine Vorschläge zur Rettung unterbreitet, rechnet er mit dem herrschenden Neoliberalismus ab. Sein Rettungsversuch geht aber nicht in Richtung Sozialismus - wie schon aus dem Vorwort des Herausgebers, Wilhelm von Sternburg, ersichtlich ist -, sondern greift auf alte sozialdemokratische Heilkunde zurück. Schwartz zieht es als Arzt ans Krankenbett des Kapitalismus. Seine Diagnose fällt so schwerwiegend aus, daß er als Doktor Eisenbart mit radikalem Heilsplan dazwischenfunken möchte. Wie sich allerdings nach etwa 100 Seiten seines Buches "Kapitalismus ohne Netzt" zeigt, erschöpft sich seine Radikalität in Zustandsbeschreibungen. Wie ein Buchhalter registriert er mit hastiger Hand die Vorgänge sozialen und politischen Niedergangs und kommt zu dem Schluß, "der weltweit propagierte Kapitalismus ohne Netz droht die demokratischen Institutionen und letztlich die gesamte Gesellschaft zu destabilisieren". Als zentralen Fehler wirft er der neoliberalen Regierungspolitik vor, sich immer stärker der Gefahr des "Kaputtsparens" auszusetzen. Dies habe in den 30er Jahren den Aufstieg Hitlers begünstigt.
Wahrscheinlich hat er recht, wenn er Demokratie und Gesellschaft bedroht sieht. Das ergibt sich einfach aus dem immer schneller voranschreitenden Prozeß der Arbeitsplatzvernichtung, den er auch mit seinen Rezepten nicht aufhalten wird, solange er sie innerhalb des kapitalistischen Systems anwenden will. Denn was er in seinem Buch anbietet, findet sich bereits mehr oder weniger gebündelt oder verstreut in den Heilsplänen von SPD, PDS und Grünen. Zweifelsohne geht Schwartz in seiner Krisenbeschreibung hart an das Thema heran, aber das Buch bleibt eine Reportage, das insgesamt den Eindruck erweckt, als hetze er den in immer schnellerer Folge eintretenden Ereignissen mit ausgepumpter Lunge hinterher. Es fehlen durchweg ruhige Stellen tiefergehender Analyse. Auf der vorletzten Seite beklagt er beinahe verzweifelt, daß sich der Kapitalismus in Deutschland einfach nicht retten lassen will".
Schwartz kann sicher sein, daß sich der Kapitalismus nicht retten lassen will, auch wenn er ihn gerne retten möchte. Denn was gegenwärtig geschieht, geschieht nicht primär aus böser Absicht der Regierenden. Was geschieht und wahrscheinlich weiterhin geschehen wird, resultiert aus der ökonomischen Entwicklung selbst, die in der herrschenden Politik nur ihren Ausdruck findet. Die demokratischen Institutionen wanken bereits und destruktive Prozesse werden auch zunehmend die Gesellschaft destabilisieren. Schwartz scheint aber zu verkennen, daß Kapitalismus auch ohne Demokratie und gesellschaftliche Stabilität existieren kann. Die gegenwärtige Politik will ja ebenso wie er den Kapitalismus retten. Der Unterschied zum Neoreformismus besteht aber darin, daß sie die Option einer sozialen Demokratie unter dem Zwang der ökonomischen Entwicklung eben nicht mehr für realistisch hält. Also betreibt sie ihren Abbau, weil aus der Logik der Entwicklung heraus ihr weiterer Ausbau den Kapitalismus bedrohte. Er aber will beides: demokratischen Sozialstaat und Kapitalismus.
Zu dieser Harmonie war das kapitalistische System jedoch nur einmal in seiner Geschichte fähig, und zwar in seiner fordistischen Hochphase, woraus sich der Anschein einer natürlichen Identität von Kapitalismus und sozialer Demokratie ergab. Schwartz begeht daher den Fehler aller gegenwärtigen Sozialreformisten, insofern er sich nicht nur als Wahlkampfhelfer versteht: er richtet eine statische Betrachtung auf die Politik und macht sie als Ursache dessen aus, was er kritisiert. Politik zu kritisieren ist für sich genommen nicht falsch. Sie allerdings aus ihrer systemischen Verankerung zu lösen, muß zu Illusionen führen.
"Kapitalismus ohne Netz" ist ein lesenswertes Buch. Es gibt an beschreibender Kritik fast alles her, was heutzutage aus echter sozialdemokratischer Einstellung noch möglich ist. Doch seine engen Grenzen werden von zwei elementaren Fehlern markiert. Der eine ist oben angerissen, der andere weiter vorne. Wie schon erwähnt, wird schon im Vorwort festgelegt, daß Sozialismus als Alternative ausscheide. Der gilt als "politischer (und theoretischer) Marxismus" gescheitert. Gescheitert bedeutet auch offensichtlich bei Schwartz, daß Sozialismus historisch widerlegt ist und mit ihm die marxistische Theorie.
Nun ist es müßig darauf hinzuweisen, daß bei undogmatischer Auffassung die Marxsche Theorie keine ewig gültige Wahrheit darstellt. Sie jedoch als endgültig widerlegt hinzustellen, ist eine Unsinnigkeit, die insbesondere dadurch zustande kommt, indem der stalinistisch geprägte Realsozialismus schlichtweg als Konkretisierung der Marxschen Theorie interpretiert wird. Diese so falsche wie willkürliche Annahme muß dazu verführen, auf brauchbare Elemente ihrer Erkenntnismethode zu verzichten und somit der Komplexität des kapitalistischen Systems allenfalls mit den dürftigen Mitteln sozialdemokratischen Theorieverschnitts zu begegnen. Die Folge daraus zeigt sich immer wieder in der gleichen Weise, indem eine Alternativlosigkeit zum Kapitalismus als unumstößliche Gegebenheit gesetzt wird, die eine systemimmanente Problemlösung geradezu aufzwingt. Dies auch dann noch, wenn sich krisenhafte Prozesse verdichten und die Rückkehr zu besseren Zeiten immer unwahrscheinlicher wird. So nämlich scheint es Schwartz zu ergehen, wenn er am Ende seines Buches dennoch Zweifel aufschimmern läßt, in die er sich offenbar hineingeschrieben hat.
Den Untergang des Realsozialismus als Beweis für die Unbesiegbarkeit des Kapitalismus heranzuführen und damit Sozialismus aus dem Denken zu verbannen, zwingt in eine Lage, in der sich Kritik nur noch alternativlos formulieren läßt. Es gehen damit auch die Mittel verloren, Kapitalismus in seinen Bewegungsgesetzen zu erkennen. Also kommt es zu einer reinen Kritik der Politik mit dem ewig absehbaren Ergebnis, daß die Regierung oder die Politik verändert werden müsse, nicht aber das Gesellschaftssystem. Spätestens an dieser Stelle aber schließt sich wieder der Kreis. Das System verändern zu wollen gilt heute als geradezu närrisch. Zu fragen bleibt allerdings, ob der Versuch, es im Sinne von Schwartz reformieren zu wollen, möglicherweise noch närrischer wäre.
-
Autor: © Willi Gettel, Berlin
Erstveröffentlichung: Kalaschnikow - Das Politmagazin
Ausgabe 11, Heft 2/98
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 25.01.2003
|