Heiner Karuscheit
Roter-Salon.info


Der Antisemitismus heute und das Faschismusproblem

Zur Antisemitismus-Debatte in Kalaschnikow

Die Antisemitismus-Debatte, die sich, ausgehend von einer Stellungnahme zu den politischen Manövern des stellvertretenden FDP-Vorsitzenden Möllemanns, in der kalaschnikow entwickelt hat, hat nicht nur die Frage nach der Stellung zu Israel aufgeworfen, sondern auch die Frage, inwieweit das Jahr 2002 mit 1932 zu vergleichen ist. Sie hat, anders formuliert, das Faschismusproblem gestellt. Um die Aktualität des Antisemitismus zu belegen, hat Max Brym zuletzt in der Kalaschnikow vom 10.07.2002 eine Reihe von Fakten über das Fortwirken antisemitischer Vorurteile in Deutschland angeführt (Was verbindet und unterscheidet das Jahr 2002 mit dem Jahr 1932?). Dabei hat er sich insbesondere auf eine von Wolfgang Benz herausgegebene Veröffentlichung berufen: Antisemitismus in Deutschland. Zur Aktualität eines Vorurteils (dtv, München 1995). Benz ist Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, und die Veröffentlichung umfasst mehrere Studien von ihm und seinen Mitarbeitern zu der Frage. Wer sie liest, fragt sich allerdings verwundert, ob es zwei verschiedene Bücher mit demselben Titel gibt, denn aus dem mir vorliegenden Exemplar geht in allem das Gegenteil dessen hervor, was Max Brym behauptet. [1]

Der gegenwärtige Antisemitismus

Bleiben wir zunächst bei den antisemitischen Einstellungen der Deutschen. Um deren ungebrochene Wirksamkeit zu beweisen, verweist Brym auf die in dem Buch vorgenommene Auswertung repräsentativer Meinungsumfragen aus den Jahrzehnten nach 1945. Was aber ist das Ergebnis dieser Umfragen? Erstens kommt der Mitautor der Auswertung zu der Schlußfolgerung, daß der Antisemitismus seit dem letzten Weltkrieg kontinuierlich abgenommen hat: "Auf der Ebene der persönlichen Einstellungen ist nicht nur ein stetiger Rückgang antijüdischer Vorurteile über die letzten vierzig Jahre zu beobachten, sondern auch eine parallele Anerkennung des Holocausts als des zentralen Verbrechens des Nationalsozialismus." (Werner Bergmann, Antisemitismus in öffentlichen Konflikten 1949-1994; Benz S.87 f). Zweitens ergibt sich, dass der Antisemitismus insbesondere in der Generation der Alten verbreitet ist, diese aber "ihre Vorurteile nur in wenigen Fällen an die Nachkommen vermitteln" konnten. (Werner Bergmann, Rainer Erb: Wie antisemitisch sind die Deutschen? Meinungsumfragen 1945-1994; in Benz, S.56). Während die über 65-Jährigen noch zu 25% antisemitische Ressentiments pflegen, sind es bei den 18 bis 44-Jährigen nur ca. 5% (ebda).

Darüber hinaus erschließt sich aus dem Sammelwerk ein weiteres Phänomen, nämlich das Verhältnis von Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus. Juliane Wetzel kommt aufgrund ihrer Forschungen zu der Schlußfolgerung, daß sich "das rechtsextreme Spektrum zunehmend über Ausländerfeindlichkeit definiert", während der Antisemitismus erst an zweiter Stelle kommt und sich in wachsendem Maße der Ausländerfeindlichkeit ein- und unterordnet (Antisemitismus als Element rechtsextremer Ideologie und Propaganda; in: Benz, S.101). "Mit antisemitischen Parolen, die zum Outfit eines jeden Rechtsradikalen gehören, wird Fremdenfeindlichkeit kolportiert und funktionalisiert." (in: Benz, S.108) "Der Jude" dient also zunehmend als bloßes Synonym für "den Türken", den "Kanaken" usw., und das hat u.a. zur Folge, daß viele Zerstörungen auf jüdischen Friedhöfen primär gar nicht gegen Juden gerichtet sind, sondern gegen Ausländer (ebda).

Keine zentrale Aufgabenstellung für die Linke

In ihrer Zusammenfassung kommen die Autoren der Auswertung zu einem Fazit, das für Bryms Behauptungen geradezu vernichtend ist: "Eine vorläufige Bilanz der Entwicklung des Antisemitismus in der Bundesrepublik über fast fünf Jahrzehnte kann einen Rückgang feststellen, der sehr langsam, zäh und diskontinuierlich verlaufen ist (... ) Noch immer stimmen beachtliche Teile der Bevölkerung einzelnen antijüdischen Aussagen zu, doch verdichtet sich diese Zustimmung nur bei einem harten Kern zu einem geschlossenen antisemitischen Vorurteilskomplex. Dieser hat nicht nur quantitativ an Bedeutung verloren, er hat auch seine Qualität und Motivation geändert. Es geht ihm heute nicht primär um Gruppenkonflikte, also um rechtliche Gleichstellung, religiöse Toleranz, wirtschaftliche Konkurrenz, sondern um ein Ressentiment, das sich als ‚sekundärer Antisemitismus' aus den Problemen im Umgang mit der NS-Vergangenheit, insbesondere mit dem Holocaust, ergibt." (in: Benz, S.62 f) Abgesehen von der erneuten Bestätigung, daß der Antisemitismus zurückgegangen ist, wird in diesen Sätzen vor allem herausgearbeitet, dass seine Überreste einen anderen Charakter angenommen haben. Ihm liegen keine "Gruppenkonflikte" mehr zugrunde, das heißt, er verfügt über keine sozialen Antriebskräfte mehr und hat damit im Zusammenhang auch sein Wesen geändert. Soweit er nicht zur bloßen Chiffre für Ausländerfeindlichkeit geworden ist, sondern den Charakter eines selbständigen Vorurteils behalten hat, richtet er sich nicht mehr gegen "den Juden" als Verursacher aller Übel dieser Welt, sondern als "sekundärer" Antisemitismus gegen die Anerkennung der Judenvernichtung durch Deutsche und den heutigen Umgang damit.

Was heißt das aber anders, als dass es sich bei dem Antisemitismus von heute um ein ideologisches Relikt handelt, das aufgrund der relativen Eigenständigkeit der ideologischen Sphäre noch das eine oder andere Auf und Ab erfahren mag, aber insgesamt keine zentrale Bedeutung für die Aufgabenbestimmung der Linken hat?

Die Faschismusfrage "nach der Shoah"

Angesichts der Ergebnisse der von ihm selber angeführten Veröffentlichung liegt die Frage nahe, wie Max Brym dazu kommt, derart großzügig bis zur Schmerzgrenze mit den Tatsachen umzugehen. Die Antwort darauf findet sich in seinen eigenen Ausführungen und führt direkt in die Faschismusfrage hinein.

Brym bezieht sich zunächst auf die Aussage von Engels, dass der Antisemitismus nur eine "Reaktion untergehender Gesellschaftsschichten" - nämlich des Kleinbürgertums - "gegen die moderne Gesellschaft (ist), die wesentlich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht". Diese Aussage ergänzt er durch den Hinweis, dass sich erst 1932 in einer Broschüre des KPD-Führers Remmele ein Abschnitt zum Antisemitismus findet und dieser dort im bebelschen Sinn als bloßer "Sozialismus der dummen Kerls" abgemacht wird. Er will damit sagen, dass die Arbeiterbewegung von früher (und ihr folgend der Heiner Karuscheit von heute) den Antisemitismus nicht ernst genommen hat - mit massenmörderischen Folgen. Diese Haltung, so fährt er fort, ist "nach der Shoa" nicht länger möglich.

An dieser Feststellung ist etwas sehr Richtiges. Die Vernichtung der europäischen Juden stellte in der Tat das Versagen der Arbeiterbewegung unter Beweis - wenn auch in ganz anderem Sinne, als Brym das meint. Der damalige Marxismus nahm den Antisemitismus nicht ernst, weil er das Kleinbürgertum nicht ernst nahm. Weil das Marxsche "Kapital" als ökonomisches Gesetz vorgab, daß das Kleinbürgertum durch den Fortschritt des Kapitalismus vernichtet würde, sah man mit den vorbürgerlichen Schichten auch den Antisemitismus untergehen und maß ihm deswegen keine besondere Relevanz bei.

Das Problem war, dass die massenhafte Auflösung der kleinbürgerlichen Schichten der Bauern und städtischen Handwerker, Kleinhändler etc. erst nach dem 2.Weltkrieg erfolgte. Zuvor formierten die verachteten Kleinbürger mit dem Nationalsozialismus jedoch eine eigenständige politische Bewegung und schickten sich 1933 an, eine eigene Herrschaftsordnung zu errichten. [2]

Der nationalsozialistische Rassenkrieg

An die Macht gelangt im Einverständnis mit Bourgeoisie und Junkertum, ging die NS-Führung im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Sowjetunion zur Ausrottung des europäischen Judentums über. Der 1941 begonnene Vernichtungskampf gegen die Sowjetunion war der eigentlich nationalsozialistische Krieg, kein bürgerlicher Krieg, sondern ein agrarischer Siedlungs- und Rassenkrieg. In Hitlers Mein Kampf programmatisch vorgezeichnet, war sein Ziel von Anfang an die Ausrottung der slawischen Bevölkerung, um das Land für die Besiedlung durch germanisch-deutsche Wehrbauern frei zu machen und so den angestrebten "Lebensraum im Osten" zu sichern. Im Rahmen dieser Ausrottungspolitik ließ die NS-Führung auch die europäischen Juden vernichten. Diese Entwicklung bedeutete eine Bankrotterklärung für den zeitgenössischen Marxismus. Weder war er in der Lage gewesen, eine Strategie für die Arbeiterbewegung zu erarbeiten, um den Nationalsozialismus zu verhindern und einen Weg zur Macht zu finden, noch konnte er wenigstens im Nachhinein die "Shoa" erklären. Seine Versuche, den Faschismus zu bestimmen, begriffen ihn stets nur als Form bürgerlicher Herrschaft, als "letztes Spiel des Kapitalismus" oder als Herrschaft der "reaktionärsten Teile des Finanzkapitals". Das praktische Versagen gegenüber dem Ansturm des Nationalsozialismus setzte sich also in der theoretischen Negierung des Kleinbürgertums und der Begriffslosigkeit gegenüber dem Massenmord fort. Max Brym steht in der Tradition dieser Theoriebildung und ist deswegen unfähig, ein rationales Verhältnis zu den heutigen Äußerungen des Antisemitismus zu gewinnen.

Die bürgerliche Gesellschaft und der Antisemitismus

Dabei hätte er, wenn er das von ihm zitierte Buch mit anderen Augen gelesen hätte, feststellen können, daß die dort untersuchte Antisemitismus-Frage wie ein Lackmustest über den Charakter der Gesellschaftsordnung Aufschluß gibt, die sich in der Nachkriegszeit in (West-) Deutschland entwickelt hat. In dem Aufsatz Zur politisch-kulturellen Tradition des Antisemitismus in Deutschland schreibt der Antisemitismus-Forscher Hermann Graml: "Umgekehrt war es nicht einfach die totale Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland, sondern die ihr folgende Versöhnung der Deutschen mit den geistig-politischen Werten und der Realität einer bürgerlichen Gesellschaft, die seit 1945 die Antisemiten in Deutschland bis auf kleine Restgruppen aussterben ließ." (in: Benz, S.24)

Für diesen bürgerlichen Wissenschaftler, der die Welt nicht durch eine ideologisch gefärbte Faschismusbrille betrachtet, ist klar, dass sich in Deutschland erst nach 1945 eine gefestigte bürgerliche Gesellschaft herausgebildet hat und daß in diesem Zusammenhang der Antisemitismus "bis auf kleine Restgruppen" zurückgegangen ist. Zu ergänzen ist hier wiederum nur die Klassenbewegung, die dem zugrunde liegt. Es war der Rückgang des vormodernen Kleinbürgertums ‚bis auf Restgruppen', der endlich die von Engels angekündigte "moderne Gesellschaft" entstehen ließ, eine Gesellschaft, die "wesentlich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht" und für den Antisemitismus letztlich keinen Platz läßt.

Somit bleibt zum Schluß festzuhalten: nicht von Engels' Aussagen über den Zusammenhang von Kleinbürgertum und Antisemitismus gilt es "nach der Shoa", Abschied zu nehmen, sondern von der verfehlten Faschismustheorie des Marxismus, die unseren Kritiker zu seinen Positionen gebracht hat.

Anmerkungen:

[1] Die These von zwei verschiedenen Büchern mit demselben Titel wird durch weitere Indizien gestützt: die öffentlich zugängliche Ausgabe ist nicht 1999 erschienen, wie Brym schreibt, sondern schon 1995 (eine Neuauflage 1999 war trotz intensiver Recherche nicht ausfindig zu machen). Wolfgang Benz ist nicht der Autor, sondern "nur" der Herausgeber. Die "sämtlichen Umfragen aller deutschen Meinungsforschungsinstitute", die den ungebrochenen Antisemitismus der Deutschen nachweisen sollen, gibt es nicht, weil gar nicht "alle" Institute Meinungsumfragen zum Antisemitismus veranstaltet haben. Auch die von Brym zitierte Angabe, "dass 40% der jungen Gewerkschaftsmitglieder mit Juden nichts zu tun haben möchten", findet sich in der Veröffentlichung von 1995 nicht. Hatte er als freier Journalist vielleicht Zugang zu einer geheimen Fassung des Werks, die normalen Sterblichen nicht zugänglich ist?
[2] Ausführlich hierzu die Themengruppe Faschismus in: www.kommunistische-debatte.de

  • Autor: © Heiner Karuscheit, 14.07.2002
    Foto: AK Foto
    Erstveröffentlichung: Kalaschnikow-Online, www.kalaschnikow.net
    Quelle: www.roter-salon.info
    Update: Berlin, 15.07.2002