Die Epochenfrage im 20.Jahrhundert
Teil 3 und Schluß der Serie von Heiner Karuscheit

Der erste Weltkrieg markierte eine tiefgreifende historische Zäsur in Europa. Schon im Bewusstsein der seinerzeit Lebenden herrschte das Empfinden vor, dass eine Epoche zu Ende ging und eine neue anbrach. Die revolutionären Nachkriegswirren und der neuerliche Weltkrieg ließen die Zeit aber zunächst in einer Art "30jährigem Krieg" zusammenfließen, bevor sich nach dem 2.Weltkrieg eine neue Ordnung durchsetzte, gegründet auf der Spaltung Deutschlands und Europas, die einige Jahrzehnte Bestand hatte, bevor sie im Osten zusammenbrach und am Ausgang des Jahrhunderts bürgerliche Verhältnisse in ganz Europa gesiegt hatten.
Die zeitgenössischen Marxisten sahen die Ursache der anwachsenden Unruhe darin, dass der Kapitalismus seit der Jahrhundertwende in sein letztes, imperialistisches Stadium, in seine "allgemeine Krise" eingetreten sei. Sie glaubten, einen "in Fäulnis begriffenen", "parasitären" bzw. "sterbenden Kapitalismus" zu erleben und "am Vorabend der sozialistischen Revolution" zu stehen, wie Lenin in seiner Schrift über den Imperialismus als "höchstes" bzw. "letztes" Stadium des Kapitalismus formulierte. Ein Nachhall dieser Überzeugung findet sich in der augenblicklichen Programmdebatte der DKP wieder, wenn dort gefordert wird, die Zeit seit Beginn des 20.Jahrhunderts als "Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus im Weltmaßstab" zu definieren.
Im Nachhinein fällt es leicht, mehr als ein Fragezeichen hinter diese Definition zu setzen. Aber nichtsdestotrotz ist die Frage danach offen, welche Ordnung denn im ersten Weltkrieg zu Grunde ging - und welche neue Epoche anbrach.
Die Ordnung des 19. Jahrhunderts
Wie Engels 1895 kurz vor seinem Tod im Rückblick auf ihr gemeinsames Wirken feststellte, hatten Marx und er den Reifegrad der Verhältnisse fortlaufend überschätzt, beginnend mit der Revolution von 1848, als sie die Stunde des Proletariats zum erstenmal für gekommen hielten: "Die Geschichte hat uns und allen, die ähnlich dachten, unrecht gegeben. Sie hat klargemacht, dass der Stand der ökonomischen Entwicklung auf dem Kontinent damals noch bei weitem nicht reif war für die Beseitigung der kapitalistischen Produktion". Dasselbe war zwei Jahrzehnte später bei der Pariser Commune der Fall, als sich wiederum zeigte, "wie unmöglich auch damals noch, zwanzig Jahre nach der in unserer Schrift geschilderten Zeit, diese Herrschaft der Arbeiterklasse war." (Einleitung von 1895 zu Marx' Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850; MEW 22, S.515, 516)
Nicht allein der "Stand der ökonomischen Entwicklung", sondern auch der Stand der Entwicklung der Herrschaftsverhältnisse entsprach noch lange nicht bürgerlichen Zuständen. Bis dahin hatte nur in Großbritannien und Frankreich eine bürgerliche Revolution gesiegt und die Basis für eine parlamentarische Herrschaft der Bourgeoisie gelegt. Im übrigen Europa dagegen suchte das Bürgertum nach den Erfahrungen von 1789 und 1848 Schutz vor den sozialen Forderungen der Massen bei den alten Mächten, verzichtete zugunsten der gemeinsamen Abwehrstellung gegen das aufbegehrende Volk auf ihren bisherigen Machtanspruch und gab sich mit der Gewährung von Handels- und Gewerbefreiheit sowie einer "Juniorpartnerschaft" an der Macht zufrieden. Mit anderen Worten: die zu Beginn des Jahrhunderts, nach den Napoleonischen Kriegen, geschaffene Ordnung des Wiener Kongresses von 1815 blieb bis über die folgende Jahrhundertwende erhalten, wenngleich aufgeweicht und erschüttert.
Trotz aller Konzessionen und einer Liberalisierung im Innern waren die alten Adelskräfte, wie geschwächt auch immer, sowohl in Russland als auch in Österreich-Ungarn und in Preußen-Deutschland an der Macht geblieben, weil keine neue bürgerliche Revolution sie gestürzt hatte. Dasselbe galt für das äußere Kräfteverhältnis im "Pentagramm" der fünf europäischen Großmächte (England, Frankreich, Preußen-Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland). Zwar strapazierte das neue deutsche Reich und dessen ökonomisch-politischer Machtzuwachs das Gleichgewicht der Kräfte bis aufs äußerste (aus diesem Grund bezeichnete Bismarck Deutschland regelmäßig als "saturiert" und betrieb eine entsprechende Politik, um keinen Zusammenschluss der gegnerischen Mächte zu provozieren). Aber noch war das alte Kräfteverhältnis nur überdehnt und nicht beseitigt. Die Wiener Ordnung war eine brüchig gewordene Hülle, aber sie existierte weiter.
Die Instabilität der Regierungsformen machte es schwierig, die Herrschaftsordnung einzuschätzen. Grundsätzlich hatte Marx die parlamentarische Republik als die dem Kapitalverhältnis angemessene Herrschaftsform bezeichnet. In der Realität aber tat die Bourgeoisie immer weniger bis nichts, um "ihre" Herrschaft auch politisch durchzusetzen. In Frankreich existierte seit 1870 zwar wieder eine Republik, die jedoch von einer bonapartistischen Massenbewegung bedroht wurde. Umgekehrt war Deutschland keine Republik, aber Bismarck verfügte über erheblichen Handlungsspielraum gegenüber den Klassen. Deswegen meinte Engels zwischenzeitlich, dass der Bonapartismus die wahre Religion der Bourgeoisie sei. Mit Blick auf das neu geschaffene Reich war er der Auffassung, dass Preußen unter Bismarcks Regierung dabei sei, seine bürgerliche Revolution in der Form des Bonapartismus zu vollenden. Diese Einschätzung war bei weitem zu optimistisch, denn tatsächlich sorgte die Politik des Reichskanzlers und preußischen Ministerpräsidenten dafür, daß die Quintessenz der bürgerlichen Revolution, die politische Macht der Bourgeoisie, verhindert und die preußische Junkerherrlichkeit gegen die Zeit bewahrt wurde.
Zum Charakter des 1.Weltkriegs
Nach der Jahrhundertwende demonstrierten die russische Revolution von 1905, die wachsenden Nationalitätenkonflikte in Österreich-Ungarn und die Wahlrechtsbewegung in Preußen gegen das Dreiklassen-Wahlrecht, dass das "lange" 19. Jahrhundert dem Ende entgegen ging. Aber seine Träger setzten sich vehement gegen ihren Untergang zur Wehr. Da sie im Innern bereits zu schwach waren, um die Gesellschaft wieder an die Kandare zu nehmen, suchten sie ihr Heil im Äußeren. In Russland drängte der Zarismus auf einen Krieg, um seine nach dem verlorenen Krieg gegen Japan und der Revolution von 1905-07 angeschlagene Autorität zu festigen. In der Habsburger Monarchie war es der österreichisch-ungarische Hochadel, dessen gemeinsame Herrschaft durch das nationale Erwachen der slawischen Völkerschaften bedroht wurde, und in Deutschland sah die junkerlich-preußische Großgrundbesitzerklasse keinen anderen Ausweg, um die patriarchalische Ordnung zu retten.
Die Marxisten konstatierten zutreffend, dass die Bourgeoisie "in Fäulnis begriffen" war - aber sie war es nicht deswegen, weil ihre Herrschaft den Zenith überschritten, sondern weil sie sich mit den alten Mächten arrangiert hatte und mindestens ebenso wie der Adel zum Krieg drängte, um die Arbeiterbewegung zu zähmen. Auch dort, wo sie eine andere Stellung innehatte wie in Großbritannien und Frankreich, war ihr Interesse am wenigsten, die bürgerliche Revolution in Europa zu vollenden und demokratische Verhältnisse zu etablieren. Vielmehr wollte sie die äußere Ordnung des Wiener Kongresses erhalten bzw. wiederherstellen, nämlich das Gleichgewicht der europäischen Mächte, das durch das Bismarck-Reich gesprengt zu werden drohte. Darin eingeschlossen war die Sorge um ihre seit 1815 erworbenen Kolonien, die ebenfalls von Deutschland bedroht wurden. Aus diesem Grunde verbündete sie sich mit dem zurückgebliebensten Repräsentanten des ancien regimes, dem Zarismus, um gegen das Kaiserreich in den Krieg zu treten.
Von wo auch immer man an die Dinge herantrat - die Bourgeoisie kämpfte in Europa nicht um die Herstellung der bürgerlichen Ordnung, sondern um den Erhalt der vorbürgerlichen Ordnung des Wiener Kongresses. Sie war nicht reaktionär, weil sie für eine bürgerliche Gesellschaft eintrat, sondern weil sie nicht dafür eintrat. Sie war konterrevolutionär nicht erst im Hinblick auf eine sozialistische Revolution, sondern vorher noch im Hinblick auf die weiterhin ausstehende bürgerliche Revolution.
Mit der Feststellung, dass der 1914 begonnene Krieg auf allen Seiten reaktionären Charakter trug und kein Land das Recht auf Vaterlandsverteidigung beanspruchen konnte, hatten die Revolutionäre auf dem linken Flügel der Arbeiterbewegung daher recht. Aber ihre Begründung war fehlerhaft, weil sie den Krieg als bürgerlich-imperialistischen Krieg begriffen, und dies war er trotz aller von der Bourgeoisie hineingetragenen imperialistischen Elemente nicht. Er war seinem Wesen nach ein Kampf der alten Ordnung ums Überleben.
Die Frage der Revolutionsstrategie
Mit dem Epochencharakter hing die Frage nach der Revolutionsstrategie zusammen. Welche Politik galt es zu betreiben angesichts des Kriegs, der an seinem Ende den gesellschaftlichen Umsturz aus einem theoretischen Gedankenspiel zur praktischen Frage werden ließ? Wie sollte das Verhältnis von bürgerlicher zu proletarischer Revolution, vom demokratischen zum sozialistischen Kampf aussehen?
Für Russland hatte Lenin dieses Problem aufgrund der Revolution von 1905 erkannt, als die Bourgeoisie sich angesichts des sozialen Aufbegehrens der Massen auf die Seite des Zarismus schlug. Als der Weltkrieg ausbrach, sah er im Zarenreich "angesichts der großen Rückständigkeit dieses Landes, das seine bürgerliche Revolution noch nicht vollendet hat", die Aufgaben der Sozialdemokratie vorrangig im demokratischen Kampf. "In allen fortgeschrittenen Ländern dagegen stellt der Krieg die Losung der sozialistischen Revolution auf die Tagesordnung" (Der Krieg und die russische Sozialdemokratie, September 1914).
In diesen Sätzen war die Kernfrage der herannahenden Revolution für Russland gelöst - und für die übrigen Länder falsch beantwortet. Die Situation war gerade umgekehrt wie von Lenin angenommen. Nicht Russland bildete gegenüber dem restlichen Europa eine Ausnahme, sondern umgekehrt waren England und Frankreich die einzigen "fortgeschrittenen" Länder, in denen die alten Mächte bis dahin geschlagen waren. Dagegen war die bürgerliche Revolution im überwiegenden Teil Europas, von Russland über Deutschland und Österreich-Ungarn bis hin zum Süden des Kontinents, "noch nicht vollendet". Ihre Epoche dauerte nach wie vor an, und die daraus hervorgehenden Konflikte, Klassenkämpfe und Kriege prägten das 20.Jahrhundert.
Überall dort, wo sich in diesem Jahrhundert Möglichkeiten der Machtergreifung für das Proletariat boten, waren diese nur auf dem Boden einer Strategie des Zu-Ende-Führens der bürgerlicher Revolution realisierbar. Auf sich allein gestellt konnte das Proletariat nicht siegen, denn eine Minoritätenrevolution war im entwickelteren Teil Europas nicht (mehr) möglich. Um die Macht zu erobern, musste es zum Hegemon der Gesellschaft werden, und dazu durfte es keine sozialistische, sondern musste eine demokratische Revolution (mit sozialistischen Elementen bzw. Perspektiven) durchführen. Dabei bestand das Kernproblem darin, ein Bündnis mit dem Kleinbürgertum zu schliessen, und das setzte voraus, dessen Eigentums- und Produktionsverhältnisse anzuerkennen. Dem Proletariat die Staatsmacht sowie die Großindustrie, Banken und Großhandel, dem Kleinbürgertum eine Beteiligung an der Macht und Schutz seiner Produktions- und Lebensverhältnisse - das war die Formel, die den Weg zur Macht und die Möglichkeit eröffnete, in der folgenden Etappe zum Sozialismus zu gelangen.
Die Bündnisfrage stellte sich um so drängender, weil das Kleinbürgertum mit Vehemenz einen Weg aus seiner Misere suchte und entgegen den Erwartungen von Marx und Engels eigene Machtansprüche erhob. Die Stellung der aus dem Mittelalter überkommenen kleinen Warenproduzenten war ausschlaggebend für Sieg oder Niederlage, Fortschritt oder Reaktion. Verfolgte die Arbeiterklasse in dieser Situation blind ihre eigenen sozialistischen Ziele und strebte eine nur-proletarische Revolution an, statt zur Anführerin einer Volksrevolution zu werden, isolierte sie sich selber, trieb die nichtproletarischen Massen auf die andere Seite der Barrikade und beschwor die Gefahr einer faschistischen Konterrevolution herauf.
Über den "linken Radikalismus"
Nur in Russland gelang es, die Bauernschaft durch Anerkennung ihrer sozialen Forderungen zur Bündnispartnerin zu machen und so die Staatsmacht zu erobern, im übrigen Europa dagegen scheiterten alle Umsturzversuche in der revolutionären Nachkriegskrise. In Vorbereitung des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale 1920 zog Lenin in der Schrift "Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus", ein erstes Fazit aus den Klassenkämpfen. Seine Lehre lautete, dass die Niederlagen der Arbeiterbewegung in einer Situation, die objektiv revolutionär war und den Sieg ermöglichte, in einer linksradikalen Politik begründet waren. Die entscheidende Grundlage dieses linken Radikalismus, nämlich die fehlerhafte sozialistische Revolutionsstrategie, benannte er jedoch nicht und konnte es auch nicht. Schließlich war er selber der Überzeugung, dass bis auf Russland überall in Europa die sozialistische Revolution auf der Tagesordnung stand. Darum beschränkten sich seine Ratschläge darauf, von den Kommunisten eine größere taktische Flexibilität zur Erreichung des sozialistischen Ziels zu verlangen. Dabei war der Sozialismus durch keine noch so ausgefeilte Taktik zu erreichen, sondern nur über den strategischen "Umweg" einer proletarisch geführten bürgerlichen Volksrevolution. Die Kritik am "linken Radikalismus" ging in die richtige Richtung, blieb aber auf halbem Weg stehen.
Eine besondere Schwierigkeit war, dass die Kommunisten in Europa an der Spitze einer proletarischen Massenbewegung standen, die in revolutionärem Überschwang auf das Ziel des Sozialismus losstürmte, von dem sie sich eine sofortige Verbesserung ihrer sozialen Lage versprach. Um ihr zum Siege zu verhelfen, hätten sie über die Einsicht in die Bedingungen und den Gang des revolutionären Prozesses, sprich über eine andere Revolutionstheorie verfügen müssen. Da sie dies nicht taten, konnten sie die Bewegung nicht führen, sondern wurden von ihr getrieben und beschränkte sich ihre Rolle mehr oder weniger darauf, bloßer Ausdruck der Bewegung zu sein. Die Linienwechsel in der Komintern in den 20er Jahren waren nicht mehr als verschiedene Varianten einer im Kern linksradikalen Politik, und die schließlich durchgesetzte "Bolschewisierung" suchte eine organisatorische Lösung, wo eine strategische Debatte über inhaltliche Fragen gefordert war.
In der Folge waren zwar die Eckpfeiler der alten Gesellschaftsordnung im Weltkrieg geborsten, aber weder Bourgeoisie noch Proletariat zeigten sich in der Lage, der Gesellschaft eine neue Perspektive zu geben. Im Schnittpunkt der dadurch hervorgerufenen "allgemeinen Krise" stand Deutschland. Sekundiert durch die Fehler von KPD und Komintern, gelang es hier der nationalsozialistischen Bewegung, an die Macht zu gelangen und die Grundlagen für eine neue Ordnung, die des 3.Reichs, zu legen. Das Lebensgesetz dieser Ordnung war der Versuch, das Rad der Geschichte durch einen neuerlichen Krieg hinter die französische Revolution zurück zu drehen.
Zum Charakter des 2.Weltkriegs
So kulminierte das Jahrhundert im 2.Weltkrieg, in dem alle drei großen gesellschaftlichen Bewegungen der Zeit in staatlich organisierter Form aufeinander prallten: die kleinbürgerlich-faschistische, die proletarisch-kommunistische und die bürgerlich-liberale Bewegung. Auf deutscher Seite handelte es sich um den agrarischen Siedlungskrieg eines vom Kleinbürgertum geführten Klassenbündnisses mit Junkertum, Bourgeoisie und Arbeiterschaft. Die Sowjetunion führte einen nationaldemokratischen Verteidigungskrieg des Proletariats im Klassenbündnis mit der Bauernschaft ("Großer Vaterländischer Krieg"). Das bürgerlich-kapitalistische Element wurde an erster Stelle durch die USA verkörpert, die unter Roosevelt danach trachteten, die Hegemonie über Europa und weltweit zu gewinnen. Klassenpolitisch stellte die "antifaschistische Koalition" ein vorübergehendes Zweckbündnis der antagonistischen Klassen der Moderne gegen das Mittelalter dar, ohne dass im vorhinein feststand, wer den Sieg davontragen würde.
Für die marxistische Theoriebildung war der positive Kriegsausgang verhängnisvoll. Im Prinzip hatten Nationalsozialismus und Weltkrieg die vorherrschende Ausprägung des Marxismus sowohl praktisch geschlagen als auch theoretisch widerlegt. Entgegen allen Revolutionserwartungen war es in Europa nicht gelungen, die Diktatur des Proletariats zu erkämpfen, ja nicht einmal die faschistische Machtergreifung zu verhindern. Darüber hinaus war es zu einem neuen Krieg gekommen, der ganz anderen Charakter hatte als der vorhergehende und an dessen Ende keine Revolution stand. Um dies zu begreifen, hätten die Kommunisten ihre bisherige Auffassung vom bürgerlichen Entwicklungsstand von Grund auf revidieren müssen.
Statt dessen lieferte der militärische Sieg der Sowjetunion eine scheinbar unwiderlegbare praktische Vergewisserung der fehlerhaften Überzeugungen. Zum einen gab es nunmehr keinen Anlass, die Faschismustheorie noch einmal zu überprüfen - mit der Konsequenz, dass der antifaschistische Kampf mit dem Kampf gegen den Kapitalismus gleichgesetzt wurde, was dauerhaft zu grundlegenden Fehlorientierungen führen musste. Gleichzeitig fasste man den Kriegsausgang als Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus auf - ohne zu reflektieren, dass die SU keinen sozialistischen, sondern einen nationaldemokratischen Krieg gegen den Aggressor geführt hatte. Die Konsequenz daraus war, dass der weltweite Sieg des Sozialismus nur eine Frage der Zeit schien und man nicht berücksichtigte, dass mit den USA eine jugendlich unverbrauchte bürgerliche Macht auf der Seite der Sieger stand, die in Europa in direkter Nachbarschaft zur Sowjetunion Fuß gefasst hatte. Im Endeffekt wurde die notwendige, radikale Revision der marxistischen Theoriebildung dadurch um Jahrzehnte aufgeschoben.
Das Ende der Epoche der bürgerlichen Revolution
Damit sind wir zurück bei dem "allgemeinen gesellschaftlichen Zustand und den Lebensbedingungen" einer von Erschütterungen betroffenen Gesellschaft, die Auskunft geben müssen über die Ursachen von Aufstieg und Scheitern der kommunistischen Bewegung in Europa. Nachdem die vorbürgerlichen Kräfte im Feuer des Weltkriegs eine vernichtende Niederlage erlitten hatten, war der Boden für eine neue Ordnung frei. Dabei war die Aufgabenstellung ebenso beschränkt wie die Kräfte der Arbeiterbewegung. In der Sowjetunion, wo erst die Grundlagen des Sozialismus errichtet waren, mußten zunächst die ungeheuren Kriegszerstörungen überwunden werden und war man vom Übergang zum Kommunismus noch weit entfernt. Im größten Teil des übrigen Europas stand nach wie vor die Vollendung der bürgerlichen Revolution auf der Tagesordnung; darüber hinaus ging es angesichts der amerikanischen Vorherrschaftspolitik darum, den Kampf um die nationale Unabhängigkeit aufzunehmen - beides gegen die eigene bankrotte, an den Rockzipfeln der USA hängende Bourgeoisie.
Als führender Kopf der kommunistischen Bewegung hatte Stalin eine sehr zurückhaltende Einschätzung der Möglichkeiten und Kräfte der Arbeiterbewegung. Allerdings gab es für die von ihm befürwortete vorsichtige Politik in den KPs keine Mehrheiten. Unbeirrt durch die Erfahrungen der 20er Jahre, beflügelt durch den Ausgang des 2.Weltkriegs und den Glauben an den "immer siegreichen Sozialismus", setzte sich in der Sowjetunion die verfehlte Kommunismuspolitik Chruschtschows durch und in der DDR die ebenso verfehlte Sozialismuspolitik der SED. So wurde die bürgerliche Umwälzung im Westen unter der Regie der Vereinigten Staaten zu Ende geführt, die auf dieser Basis nicht nur die kapitalistische Produktionsweise, sondern auch ihre Hegemonie über Westeuropa in Gestalt der NATO sicherten.
Nachdem die Chance einmal vertan war, an die Spitze der gesellschaftlichen Entwicklung und der Nation zu treten, führte der Weg nicht mehr zur Macht, sondern in den Untergang. Die fehlerhafte Politik der Kommunisten untergrub alles bis dahin Erreichte. In den sozialistischen Staaten korrespondierte die Erstarrung der Produktivkraftentwicklung mit der Erstarrung des Überbaus, und statt zum Vorbild wurde der Osten zum Schreckensbild für die Massen im Westen, bis schließlich die bürgerlichen Arbeiterrevolutionen von 1989/90 in Polen und der DDR dem an seinen eigenen Fehlern zugrunde gegangenen "Frühsozialismus" ein Ende setzten. Auf Um- und "Irr"wegen, die jedem Geschichtsdeterminismus und jeder "ökonomischen Ableitung" der Politik Hohn sprechen, wurde die Ära der bürgerlichen Revolution in Europa abgeschlossen. An ihrem Ende stand nicht die Herrschaft der Arbeiterklasse und der Übergang zum Sozialismus, sondern der vollständige Sieg der bürgerlichen Ordnung, verbunden mit der Vorherrschaft der USA, d.h. desjenigen Staates, in dem die Herrschaft der Bourgeoisie sich nicht gegen die Mächte des Mittelalters hatte durchsetzen müssen, sondern jungfräulichen Boden vorfand.
Die Toten und die Lebenden
Der Satz, dass das 20.Jahrhundert der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus angehört, enthüllt sich so als falsch und wahr zugleich. Wenn man ihn aus der Ökonomie in die Politik übersetzt und auf Europa beschränkt, lautet er, dass das 20.Jahrhundert ein Jahrhundert des Übergangs war, in dem die Epoche der bürgerlichen Revolution zu Ende ging und die Arbeiterklasse die Chance erhielt, durch das Zu-Ende-Führen dieser Revolution die Staatsmacht zu erobern und die Tür zum Sozialismus und zur klassenlosen Gesellschaft zu öffnen. Alle Diskussionen in der kommunistischen Bewegung über das "Herankommen" an die Revolution, über die "antifaschistisch-demokratische" oder die "volksdemokratische" Ordnung, in einem fernen Echo auch noch über die "antimonopolistische Demokratie", hatten hierin ihre letzte Ursache.
Nur in der Oktoberrevolution und den ersten Jahrzehnten der sowjetischen Arbeitermacht ist es den Kommunisten gelungen, darauf eine realitätstaugliche Antwort zu finden. Ansonsten überschätzten sie den Reifegrad der Gesellschaft und verfolgten an den Schlüsselpunkten der Entwicklung eine fehlerhafte Politik, mit Folgen, die nicht rückgängig zu machen waren. Dabei war es nicht zuletzt die Klasse selbst, die in Zeiten des Umbruchs voller Ungeduld vorpreschte und zu weitgehende, utopische Ziele verfocht, von der sie sich die Politik diktieren ließen, weil sie über keine adäquate Revolutionstheorie verfügten.
Heute werden wir Zeugen einer erneut beginnenden Auflösung der Gesellschaft, nur dass es diesmal eine bürgerliche Ordnung ist, die immer deutlichere Zeichen des Verfalls aufweist. Wenn die Zersetzung der bürgerlichen Hegemonie in eine offene Krise umschlagen wird und die Massen auf den Plan treten, werden wir unsere eigenen Fehler machen. Aber um dorthin zu gelangen, müssen wir die Fehler der Vergangenheit begreifen und Abschied nehmen von vielen Gewissheiten, die bislang unser Marxismusverständnis ausmachen. Wenn dies nicht gelingt, wenn Sektenwesen und Engstirnigkeit, Dogmatismus und Rechtfertigungszwänge die überfällige Debatte über die Ursachen unserer Niederlagen wie bislang im Keim ersticken, dann werden wir keine neuen Fehler machen - weil wir bereits an den alten zugrunde gegangen sind. Dann bleibt es bei dem Satz: "Le mort saisit le vif."
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Autor: © Heiner Karuscheit, Gelsenkirchen Oktober 2001
Karikatur: Heinz Breuer
Erstveröffentlichung: Kalaschnikow-Online, www.kalaschnikow.net
Quelle: www.roter-salon.info
Update: Berlin, 04.10.2001
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